„Die Wohnung gehört jetzt uns, der Familie! Du bist hier der Hausherr. Und die da …“ Helena Fuchs warf mit der Hand achtlos in Richtung Mia Baumann, „soll ihren Fischmund halten und sich nicht wichtigmachen!“
Kennengelernt hatten sie sich wie ein kurzer Funke in der Dämmerung. Es war keine große Geschichte von Liebe auf den ersten Blick, eher ein verlegenes „Oh, entschuldigen Sie“ in einem überfüllten Kleinbus, als Leon Krüger Mia auf den Fuß trat und statt einer Beschimpfung ihr Lächeln sah — schüchtern, warm und erschreckend ehrlich.
Ein Jahr später heirateten sie bescheiden, ganz nach dem Motto: Nicht der Prunk zählt, sondern die Menschen, die dazugehören. Mia trug ein schlichtes Hemdblusenkleid, Leon erschien ohne Krawatte, sie tranken Sekt am Ufer, und statt Mendelssohns Hochzeitsmarsch kreischten Möwen über ihnen. „Dann los“, sagte er, küsste sie, und Mia begriff plötzlich, dass er nicht nur die Fahrt meinte, sondern alles, was vor ihnen lag.
Sie zogen in ihre gemütliche Zweizimmerwohnung, in der es nach Kaffee, altem Holz und vorsichtigen Hoffnungen roch. Die ersten beiden Monate waren dickflüssig und süß wie Honig. Sie lernten einander in Kleinigkeiten kennen: Er kochte morgens Kaffee, sie sang unter der Dusche falsch und viel zu laut, und keiner verdrehte genervt die Augen. „Alles stabil, Kapitän?“, fragte Leon jeden Morgen. „Wir setzen zur Landung an“, lachte Mia dann zurück.
Doch dann kam die schwarze Vorahnung angeflogen — in Gestalt von Helena Fuchs.

Sie betrat die Wohnung nicht wie ein Gast, sondern wie eine Prüferin mit unsichtbarem Dienstausweis. Anfangs waren es scheinbar harmlose Ratschläge: „Hier zieht es, Leonchen, du erkältest dich doch“, oder: „Mia, Borschtsch muss kräftig sein, nicht diese… rote Wassersuppe.“
Später begann sie, Dinge umzustellen. „Ich habe in der Küche nur ein wenig Ordnung geschaffen.“ Mia räumte die Pfannen wortlos wieder an ihren Platz und spürte, wie sich in ihr ein dumpfer, stiller Widerstand sammelte.
Sie riss sich zusammen. Anstand, Erziehung — verflucht noch mal — und die Stimme ihrer Mutter: „Halte durch, Kind, sie ist seine Mutter.“
Aber jede Geduld hat eine Grenze. Bei Mia war es die Kommode.
An diesem Tag kam Mia Baumann früher als gewöhnlich von der Arbeit zurück.
