Die Dreistigkeit früherer Verwandtschaft ist eine verlässliche Konstante. Sie verliert nicht an Wert, kennt keine Inflation und richtet sich auch nicht nach dem Mondkalender.
Als am Samstagmorgen die Klingel schrillte, rechnete ich mit dem Boten aus der Reinigung. Stattdessen stand vor meiner Tür eine kleine Abordnung: mein Exmann Felix Huber, seine Mutter Clara Walter und seine Schwester Mila Simon. Eine Art heilige Erscheinung — nur eben in der Sparversion.
Der Grund ihres Auftauchens war so durchschaubar, dass es beinahe komisch wirkte. Vor acht Monaten war Felix Huber mit großem Pathos zu der zwanzigjährigen Emilia Krause abgezogen, angeblich wegen „Frische und Lebensenergie“. Er legte mir die Schlüssel hin und verschwand mit einem einzigen Koffer in den Sonnenuntergang. Den Koffer hatte übrigens ich gekauft. Die Wohnung dagegen hatte von Anfang an meinen Eltern gehört und war mir per Schenkung übertragen worden. Und nun kehrte der verlorene Befruchter zurück — samt Einsatzkommando.
„Lässt du uns rein, oder sollen wir weiter den Fußabtreter im Treppenhaus plattstehen?“, herrschte Clara Walter mich gleich an. „Mach schon Platz!“
„Wenn ihr nun einmal hier seid, kommt eben herein“, erwiderte ich ruhig. „Die Besen könnt ihr in der Ecke abstellen, und eure Heiligenscheine hängt bitte an die Garderobe, damit sie mir nicht die Decke zerkratzen.“

Ich rannte nicht in die Küche, setzte keinen Tee auf und spielte auch nicht die liebenswürdige Gastgeberin. Ich stellte mich lediglich darauf ein, zuzuhören.
„Sophie Hartmann, jetzt bitte ohne Theater. Wir sind erwachsene Menschen“, begann meine Ex-Schwiegermutter.
„Du bist allein. Eine Zweizimmerwohnung ist für dich wie ein Sattel für eine Kuh. Reiner Egoismus. Du hockst hier wie der Hund auf dem Heu!“
„Und für wen wäre sie genau passend?“, fragte ich. „Für den Verein zum Schutz aussterbender Felix-Huber-Exemplare? Oder richten wir hier ein Museum gescheiterter Lebensentwürfe ein?“
„Für Felix!“, fauchte Mila Simon. „Emilia Krause ist schwanger. Die beiden brauchen Platz, nicht irgendein gemietetes Loch. Hab mal Anstand, gnädige Frau, allein in solchen Palästen herumzusitzen!“
„Ach, euer Genpool vergrößert sich also? Glückwunsch. Felix hat mich gegen Frischware eingetauscht, und jetzt soll ich seinen Brutkasten finanzieren?“, spottete ich.
„Genial. Ein Plan, so zuverlässig wie eine Schweizer Uhr vom Ramschtisch. Nur schade, dass ihr dafür wohl kaum einen Preis bekommen werdet.“
