„Ach, Leon, was soll sie denn schon machen? Meine Frau ist doch wie ein Stück Holz, der ist alles egal. Mach dir keinen Kopf, für ihre Wohnung habe ich längst einen Käufer.“
Mit den Einkaufstüten in beiden Händen blieb ich im Flur wie angewurzelt stehen. Der Schlüssel steckte noch im Schloss und baumelte leise; ich hatte nicht einmal die Tür hinter mir zugemacht. In den Tüten lagen Kartoffeln, Zwiebeln, Hähnchenkeulen, Buchweizen aus dem Sonderangebot und drei Joghurts für Paul Schmitt — nur natur, ohne Zucker, anders rührte er sie nicht an. Eben hatte ich noch im Kopf überschlagen, ob das Fleisch rechtzeitig auftauen würde oder ob ich es wieder als gefrorenen Klotz in die Pfanne werfen müsste, sodass am Ende nichts Gebratenes, sondern etwas Halbgarenes dabei herauskäme.
Erik Kraus stand mit dem Rücken zum Eingang, klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr und rührte in seiner Tasse herum — löslicher Kaffee, wie immer mit drei Löffeln Zucker. Sein Geschirr ließ er grundsätzlich stehen.
„Sie kriegt sowieso nichts mit“, sagte er weiter und schlürfte aus der Tasse. „Ich sag ihr einfach: Das sind Unterlagen für die Umschreibung, unterschreib mal. Sie glaubt mir doch. Ein Holzklotz. Keine Gefühle, kein eigener Wille. Eine kostenlose Haushaltshilfe.“
Dann lachte er.

Ich kannte dieses Lachen. Genau so grölte er mit seinen Freunden in der Garage, während ich nach ihren Treffen die Teller schrubbte. Genauso hatte er gelacht, als Paul Schmitt als kleiner Junge mit dem Fahrrad gestürzt war und ich mit Desinfektionsmittel losgerannt kam, während Erik nur dastand und meinte: „Was stellst du dich an wie eine Glucke? Der soll allein aufstehen.“
In meinen Ohren rauschte es, als würde der Blutdruck plötzlich hochschießen. Meine Finger krallten sich so fest in die Henkel der Tüten, dass das Plastik mir weiße Streifen in die Handflächen schnitt. Langsam stellte ich die Einkäufe auf den Boden. Dann zog ich mein Telefon heraus und schaltete die Aufnahme ein.
Aus der Küche drang sein Gemurmel. Erik war mit Leon Köhler inzwischen bei Angelhaken und der Fahrt an den See am nächsten Tag angekommen. So war er immer: Erst spuckte er Gift, dann redete er über irgendeinen Unsinn weiter. Als sei nichts gewesen. Als wäre ich tatsächlich aus Holz.
Ich hielt das Handy an den Spalt der angelehnten Küchentür und blieb dort stehen, bis er sich von Leon verabschiedete und versprach, den „Deal nächste Woche ordentlich zu begießen“.
Danach legte Erik auf, stieß ein zufriedenes Grunzen aus und schlurfte in seinen Pantoffeln zum Kühlschrank. Ich beendete die Aufnahme, steckte das Telefon in die Tasche, hob die Tüten wieder auf und glitt lautlos an der Küche vorbei ins Zimmer. Dort schloss ich die Tür und lehnte mich mit dem Rücken gegen den Türrahmen.
Unter dem Brustbein brannte etwas Kaltes und Schweres; ich wusste nicht, ob ich schreien oder wie ein verletztes Tier heulen wollte. Vierundzwanzig Jahre Ehe. Paul Schmitt, die Schule, das Studium, seine Kredite, die ich mit meinem Urlaubsgeld abbezahlt hatte. Seine Mutter, die ich bis zu ihrem Tod dreimal in der Woche ins Krankenhaus gefahren hatte. Seine Socken, seine Frikadellen — all das lag plötzlich wie ein Berg vor mir.
