„Du solltest doch zu Oma Marie fahren!“ sagte Rosa schroff und wischte ihre fettigen Hände am Saum von Amelies Seidenmorgenmantel ab

Rücksichtslosigkeit auf der Schwelle: empörend und schmerzhaft.
Geschichten

Das Wohnzimmer, in das Amelie Meier so viel Arbeit, Liebe und Erspartes gesteckt hatte, war kaum wiederzuerkennen. Es wirkte nicht mehr wie ihr Zuhause, sondern wie ein öffentlicher Durchgang, in dem jeder tat, was er wollte. Auf dem hellen Wildledersofa lümmelte Timo Wolf, Rosas Mann. Die Beine hatte er in Straßensocken breit auf den gläsernen Couchtisch gelegt, während er gelangweilt mit der Fernbedienung herumklickte und sich eine Handvoll Cracker nach der anderen in den Mund schob. Die Krümel rieselten ungehindert auf den flauschigen beigefarbenen Teppich.

Zwei kleine Kinder, kaum ein Jahr auseinander, jagten mit schrillem Geschrei durch den Raum. Ihre klebrigen Finger hinterließen verschmierte Schokoladenspuren auf den teuren Tapeten. Über den Boden verteilt lagen herausgerissene Seiten aus Amelies beruflichen Planern.

Aus der Küche kam ein beißender Brandgeruch. Der neue Herd war mit übergekochter Suppe verklebt, in der Spüle stapelte sich sauer riechendes Geschirr, und auf einem Stuhl lag Amelies heller Kaschmirmantel. Darauf hatte es sich ein riesiger, flauschiger Kater bequem gemacht und schlief seelenruhig. Amelie hatte nie Katzen gehalten, weil sie auf Tierhaare sofort heftig reagierte.

„Ach, sieh mal einer an. Was wollt ihr denn hier?“, zog Timo träge die Worte in die Länge, ohne auch nur daran zu denken, die Füße vom Tisch zu nehmen. „Euer Platz ist jetzt bei der Alten. Zwei Zimmer reichen für dich und einen Jungen locker. Wir brauchen die Wohnung dringender. Wir haben zwei Kinder, die müssen sich bewegen. Außerdem wird unten im Hof gerade eine Kita gebaut.“

Amelie zwang sich, ruhig zu bleiben, obwohl ihr die Stimme beinahe versagte. „Diese Wohnung gehört mir. Meine Eltern haben sie gekauft, lange bevor ich Ben Peters überhaupt kennengelernt habe. Ihr habt keinerlei Recht, euch hier aufzuhalten.“

In diesem Augenblick drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Kurz darauf polterte Ben Peters mit mehreren Einkaufstüten in den Flur. Als er seine Frau und seinen Schwiegervater sah, blieb er für den Bruchteil einer Sekunde wie angewurzelt stehen. Überraschung verzerrte sein Gesicht, doch sofort ersetzte er sie durch gespielte Gereiztheit.

„Amelie? Warum bist du nicht bei Marie Möller? Ich habe meiner Mutter doch gesagt, sie soll dir ausrichten, dass dein Vater dich direkt dorthin bringen soll!“

„Ausrichten?“ Amelie wurde übel von dieser dreisten Lüge. „Dass du mich aus meiner eigenen Wohnung geworfen hast? Dass du meinen Sohn in eine Einzimmerwohnung zu einer bettlägerigen alten Frau gesteckt hast, wo alles nach Medikamenten und muffigen Sachen riecht, während deine Schwester mein Zuhause ruiniert?“

Erst jetzt setzte sich in ihrem Kopf alles zu einem vollständigen Bild zusammen. Vor ein paar Tagen hatte Finn Friedrichs Erzieherin angerufen. Vorsichtig hatte die Frau gefragt, ob zu Hause alles in Ordnung sei, weil die Kleidung des Jungen seit einer Woche einen schweren, abgestandenen Geruch an sich habe. Ben hatte damals am Telefon behauptet, das komme von einer Salbe, mit der er sich den Rücken einreibe. In Wahrheit hatte er sein eigenes Kind in unerträgliche Verhältnisse abgeschoben, nur damit die schöne Wohnung für Rosa frei wurde.

„Fang nicht schon wieder an, dir etwas zusammenzureimen!“, winkte Ben ab. Er ging in die Küche und stellte die Einkaufstüten direkt auf den klebrigen Tisch. „Für Rosa Gross ist es hier mit zwei Kindern einfach praktischer. Bei ihnen wird renoviert, sie haben nirgendwohin gekonnt. Und die alte Frau braucht Betreuung. Du sitzt doch jetzt sowieso zu Hause herum, also kannst du dich auch kümmern. Wir sind eine Familie, da muss man Verständnis haben!“

All die Jahre hatte Amelie über die Frechheiten von Bens Verwandtschaft hinweggesehen. Sie hatte geschluckt, wenn ihre Schwiegermutter ungefragt Lebensmittel aus ihrem Kühlschrank nahm und sagte: „Rosa braucht es nötiger, sie ist so schwach, sie stillt doch noch.“ Amelie hatte viel zu oft geschwiegen.

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