„Unterschreiben Sie morgen beim Notar nichts!“ warnte sie außer Atem und drängte zur Vorsicht

Erschütternd und unfair: Ein Vertrauensbruch droht.
Geschichten

„Gut“, erwiderte sie nach kurzem Zögern. „Dann kommen Sie bitte etwas früher – um halb zehn. Sie können die Unterlagen hier in Ruhe durchsehen.“

Am nächsten Morgen stand ich bereits um neun Uhr zwanzig vor dem Gebäude. Das Notariat befand sich in einem Altbau in der Malyschew-Straße, über der Tür prangte ein Messingschild: Notarin Rosa Ludwig.

Drinnen hing der Geruch von Papierstaub und starkem Kaffee in der Luft. Hinter dem Empfangstresen saß dieselbe Mitarbeiterin wie am Vortag. Als sie mich erkannte, nickte sie kaum merklich.

„Die Unterlagen für Frau König“, sagte ich und trat näher.

Ohne ein weiteres Wort reichte sie mir einen dicken Hefter. Ich schlug ihn auf. Seite eins – eine übliche Erklärung zur Übertragung eines Anteils. Seite zwei – ebenfalls Routine. Doch bei Seite drei blieb ich hängen.

Ich las den Absatz zweimal. Dann noch ein drittes Mal.

Dort stand schwarz auf weiß, dass ich als Bürgin für ein Darlehen in Höhe von drei Millionen Euro eingetragen werden sollte. Kreditnehmerin: Andrea König.

„Was genau bedeutet das?“, fragte ich und sah auf.

Die Angestellte blickte mich mit unverhohlener Anteilnahme an. „Ihre Schwiegermutter nimmt einen Kredit auf. Sie sollen als Sicherheit unterschreiben. Falls sie nicht zahlt, haften Sie.“

„Aber sie sprach doch nur von einer Anteilsübertragung!“

„Die ist ebenfalls enthalten. Seite fünf.“ Sie beugte sich etwas vor. „Sie überschreibt Ihnen einen Teil der Wohnung – im Gegenzug verpflichten Sie sich als Bürgin.“

Ich blätterte weiter. Tatsächlich: eine Schenkungsurkunde über einen Wohnungsanteil. Doch der zentrale Vertrag war eindeutig die Bürgschaft für ein Darlehen über drei Millionen, Laufzeit sieben Jahre.

„Warum haben Sie mich gestern gewarnt?“, fragte ich leise.

Die Frau warf einen Blick zur geschlossenen Tür des Notariatszimmers. „Ich habe eine Tochter in Ihrem Alter. Ich würde mir wünschen, jemand würde sie in so einer Lage informieren.“ Ihre Stimme sank zu einem Flüstern. „Frau König hat bereits zwei laufende Kredite. Es gibt Zahlungsrückstände. Banken rufen hier an und fragen nach weiteren Sicherheiten.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Rosa Ludwig trat heraus – groß, streng, mit einem kühlen Blick.

„Frau Huber, weshalb bearbeiten Sie Unterlagen ohne meine Anwesenheit?“

„Die Mandantin wollte sie vorab prüfen.“

Die Notarin musterte mich abschätzend. „Ist alles verständlich?“

„Durchaus“, antwortete ich ruhig. „Ich werde nicht unterschreiben.“

Ihr Gesicht verhärtete sich. „Aber Frau König hat die Gebühren bereits beglichen.“

„Das ist nicht mein Problem. Ich übernehme keine Bürgschaft.“

Ohne ein weiteres Wort verließ ich das Büro. Im Innenhof setzte ich mich auf eine Bank. Meine Hände zitterten. Drei Millionen. Sieben Jahre Haftung. Und das alles verpackt als großzügige Geste – ein angebliches Geschenk eines Wohnungsanteils.

Mein Telefon klingelte. Andrea König.

„Julia, wo steckst du? Es ist schon nach zehn, wir warten!“

„Ich war bereits beim Notar. Ich habe die Dokumente gelesen.“

Stille. Dann klang ihre Stimme hart. „Und?“

„Ich unterschreibe nicht. Ich werde keine Bürgin für Ihren Kredit.“

„Julia, sei nicht so egoistisch! Ich übertrage euch einen Teil der Wohnung!“

„Ein Drittel gegen drei Millionen Schulden? Das ist kein Geschenk, sondern ein Verlustgeschäft.“

„Michael hat zugestimmt!“

Da war es. Ich atmete tief durch. „Weiß Michael, dass es um eine Bürgschaft geht?“

„Natürlich. Wir haben gestern alles besprochen. Er meinte, du würdest Verständnis haben.“

Ich legte auf und wählte Michaels Nummer. Beim dritten Klingeln meldete er sich.

„Julia, Mama sagt, du hast den Termin platzen lassen.“

„Wusstest du, dass ich für einen Kredit über drei Millionen bürgen sollte?“

Eine Pause. Dann ein hörbares Ausatmen. „Mama meinte, das sei nur Formsache. Die Bank verlangt zwei Bürgen. Sie zahlt doch regelmäßig.“

„Sie hat zwei offene Kredite. Es gibt Rückstände. Die Banken suchen bereits nach weiteren Sicherheiten.“

„Woher weißt du das?“

„Von der Mitarbeiterin im Notariat. Sie hat mich gewarnt.“

Am anderen Ende herrschte Schweigen, nur sein schweres Atmen war zu hören.

„Du wolltest ernsthaft, dass ich blind unterschreibe? Sieben Jahre Haftung, Michael!“

„Mama hat versprochen, alles selbst zu tilgen…“

„Versprochen hat sie auch, uns einfach so einen Anteil zu schenken. Tatsächlich wollte sie ihre Schulden auf uns abwälzen.“

Ich fuhr nach Hause, zog einen Koffer aus dem Schrank und begann, Kleidung hineinzulegen. Etwa eine Stunde später stürmte Michael herein, außer Atem, die Haare zerzaust.

„Julia, bitte geh nicht! Lass uns darüber reden!“

„Es gibt nichts zu besprechen. Du warst bereit, mich für den Kredit deiner Mutter geradestehen zu lassen.“

„Wir sind doch eine Familie! Man hilft sich!“

„Helfen heißt, freiwillig zu unterstützen – nicht heimlich Verträge vorzubereiten, die einen ruinieren können.“

Er sank auf das Sofa, vergrub das Gesicht in den Händen.

„Mama sagte, es sei die einzige Möglichkeit, die Wohnung zu behalten…“

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