„Unterschreiben Sie morgen beim Notar nichts!“ warnte sie außer Atem und drängte zur Vorsicht

Erschütternd und unfair: Ein Vertrauensbruch droht.
Geschichten

Die Frau erwischte mich direkt vor dem Hauseingang. Sie war völlig außer Atem, presste eine Hand an ihre Seite – offenbar war sie quer über den Hof gerannt, um mich noch einzuholen. Ich hatte den Schlüssel bereits zwischen den Fingern und wollte gerade im Treppenhaus verschwinden, da packte sie mich am Ärmel.

„Entschuldigen Sie! Einen Moment bitte! Sind Sie Julia Vogel?“

Ich drehte mich um und musterte sie. Mitte vierzig vielleicht, sachlicher Hosenanzug, streng zurückgebundene Haare, ein Gesicht, dem man die Müdigkeit deutlich ansah. Solche Frauen begegnet man täglich in den Bürokomplexen von Dortmund – Abteilungsleiterinnen, Assistentinnen, Buchhalterinnen.

„Ja. Worum geht es?“

„Unterschreiben Sie morgen beim Notar nichts!“ Ihre Worte überschlugen sich. „Ich arbeite im Büro von Josefine Ludwig. Ich habe die Unterlagen gesehen. Das ist nicht sauber – das ist ein Betrug!“

Mir rutschte das Herz in die Magengegend. Für den nächsten Vormittag war tatsächlich ein Termin angesetzt. Meine Schwiegermutter Andrea König wollte gemeinsam mit mir zum Notar. Es gehe nur um eine Formsache, hatte sie betont: Sie wolle ihren Anteil an der Wohnung auf Michael und mich übertragen – „aus steuerlichen Gründen“, wie sie es formulierte.

„Was für ein Betrug?“, fragte ich und klammerte mich fester an meine Handtasche.

„Ich kann das jetzt nicht erklären, man wartet auf mich. Verschieben Sie den Termin. Prüfen Sie alles selbst. Und lesen Sie jedes Dokument gründlich, bevor Sie auch nur eine Unterschrift leisten!“

Ohne ein weiteres Wort eilte sie davon, verschwand durch das Hoftor und ging im abendlichen Strom der Passanten unter. Ich blieb wie angewurzelt stehen.

Die Treppe zu unserer Wohnung nahm ich wie im Nebel. In meinem Kopf jagte ein Gedanke den nächsten. Andreas Angebot war großzügig erschienen: Ihr gehörte ein Drittel einer Zweizimmerwohnung in bester Innenstadtlage, gekauft in den Neunzigern. Michael und ich lebten zur Miete und sparten seit Jahren auf Eigentum. Und plötzlich wollte sie uns ihren Anteil überlassen.

„Was soll ich mit dem Drittel?“, hatte sie vor vier Wochen gesagt. „Ich habe mein Haus, ihr braucht es dringender. Wir regeln das ordentlich, und gut ist.“

Michael war begeistert gewesen wie ein kleiner Junge. Ein Drittel einer Wohnung im Zentrum – mindestens eineinhalb Millionen Euro wert. Verkaufen, unser Erspartes drauflegen und endlich etwas Eigenes am Stadtrand kaufen.

Mich hatte diese plötzliche Großzügigkeit irritiert. Andrea war stets nüchtern bis zur Kleinlichkeit gewesen: Geschenke fielen minimal aus, Besuche erfolgten ohne Mitbringsel, und nicht selten ließ sie durchblicken, dass wir sie finanziell unterstützen könnten. Und nun dieses Angebot.

Am Abend sprach ich Michael beim Essen beiläufig darauf an.

„Hast du die Unterlagen eigentlich gesehen, die wir morgen unterschreiben sollen?“

Er sah von seinem Teller auf. „Welche Unterlagen?“

„Na, die zur Übertragung des Anteils. Deine Mutter meinte, der Notar bereitet alles vor.“

Er zuckte mit den Schultern und kaute weiter. „Nein. Muss man das vorher prüfen?“

„Es sind rechtsverbindliche Dokumente. Normalerweise schon.“

„Mama sagt, es sei alles in Ordnung. Sie kennt den Notar seit Jahren.“

Ich ließ es dabei bewenden. Später schrieb ich Andrea eine Nachricht:
„Andrea, könnte ich die Papiere vorab einsehen? Ich möchte mich vorbereiten.“

Die Antwort kam prompt.
„Julchen, das ist komplizierte juristische Sprache, damit kannst du wenig anfangen. Die Notarin erklärt dir morgen alles. Sei bitte um zehn Uhr da.“

Ein Warnsignal. Wenn jemand sich sträubt, Unterlagen vorab zu zeigen, hat das meist einen Grund.

Ich rief meine Freundin Clara an, die als Juristin in einer Immobilienagentur arbeitete.

„Clara, wie kann ich überprüfen, was genau beim Notar beurkundet wird?“

„Ruf dort an und bitte um Einsicht in die Entwürfe. Sie sind verpflichtet, dir Kopien vorab auszuhändigen.“

„Und wenn sie sich weigern?“

„Dann unterschreibst du gar nichts. Grundregel Nummer eins: Lies alles – wirklich alles – bevor du deinen Namen daruntersetzt.“

Am nächsten Morgen wählte ich die Nummer der Kanzlei. Eine freundliche Frauenstimme meldete sich:

„Notariat Ludwig, guten Tag.“

„Guten Morgen. Mein Name ist Vogel, ich habe um zehn Uhr einen Termin. Ich würde gern vorab einen Blick in die Unterlagen werfen.“

Eine kurze Stille entstand. Dann klang die Stimme vorsichtiger. „Hat Andrea König Sie geschickt?“

„Ja. Ich möchte die Dokumente vor dem Termin prüfen.“

„Einen Augenblick bitte.“

Gedämpfte Gespräche im Hintergrund, das Rascheln von Papier. Schließlich war sie wieder am Apparat.

„Frau König meinte, sie werde alles persönlich erläutern. Es handelt sich um standardisierte Vertragsunterlagen zur Übertragung.“

„Trotzdem“, sagte ich ruhig, „würde ich sie mir vorab gern ansehen.“

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