„Gegen beide“, sagte ich schließlich. „Und zusätzlich reiche ich eine Zivilklage ein – auf Rückzahlung von 480.000 Euro gegen Daniel Beck. Die Schuldscheine liegen hier, die Überweisungsbelege ebenfalls. Morgen bringe ich alles vorbei.“
Am anderen Ende entstand ein hörbares Zögern.
„Frau Hermann … Frieda Roth ist achtundsiebzig. Vielleicht könnte man— rein menschlich betrachtet—“
„Maximilian“, unterbrach ich ihn ruhig. „Vor achtundzwanzig Jahren hat diese Frau drei Liter Borschtsch in mein Spülbecken gekippt, weil ich angeblich nicht standesgemäß sei. Gestern stand sie mit ihrem Sohn vor meiner Tür, um das Schloss aufbohren zu lassen. Achtundzwanzig Jahre lang habe ich aus reiner Menschlichkeit geschwiegen. Jetzt ist Schluss.“
Er schwieg einen Moment.
„Verstanden. Ich erwarte Sie morgen.“
Ich legte auf und blieb noch einen Augenblick mit dem Hörer in der Hand stehen. Draußen senkte sich bereits die Dunkelheit über die Straße – November, die Tage sterben früh. Irgendwo im Park bellte ein Hund. Ich schenkte mir eine weitere Tasse Kaffee ein – die dritte heute. Mein Blutdruck würde es mir übelnehmen, aber das war mir gleichgültig.
Kurz darauf rief ich Clara Albrecht an.
„Und?“, fragte sie ohne Begrüßung.
„Ich stelle Strafanzeige. Und klage das Geld ein.“
„Gut so. Aber stell dich auf Gegenwind ein, Johanna.“
„Inwiefern?“
„Die ganze Verwandtschaft wird dich zerreißen. Man wird behaupten, du hättest eine alte Frau ins Unglück gestürzt und den Bruder deines verstorbenen Mannes ruiniert. Bist du darauf vorbereitet?“
Mein Blick fiel auf die beschädigte Tür, die erneut ersetzt werden musste. Auf die leere Wohnung, zu der endlich nur noch ich einen Schlüssel besaß. Und auf das Foto von Thomas Winter im Regal – lachend, die Augen zusammengekniffen im Sonnenlicht.
„Ja“, antwortete ich. „Ich bereite mich seit achtundzwanzig Jahren darauf vor.“
Zwei Monate vergingen.
Frieda Roth liegt nun angeblich „mit dem Kreislauf“ bei ihrer zweiten Schwiegertochter – Laura Lang, der Witwe aus Daniels erster Ehe. Ausgerechnet die Frau, die Frieda damals mit Beschimpfungen und Intrigen aus dem Haus gedrängt hatte, versorgt sie jetzt. Wie ich hörte, duldet Laura sie nur widerwillig. Angeblich führt sie akribisch Buch über jede Ausgabe und zählt die Tage, bis die Schwiegermutter verschwindet. Doch wohin sollte sie gehen? Daniel würde seine Mutter kaum aufnehmen – er fürchtet, dass seine jetzige Frau ihn sonst selbst vor die Tür setzt.
Gegen beide läuft ein Ermittlungsverfahren wegen versuchten unbefugten Eindringens. Aufgrund ihres Alters wird Frieda vermutlich mit einer Bewährungsstrafe oder einer Geldbuße davonkommen – vielleicht fünfzigtausend Euro, mehr nicht. Doch alles ist dokumentiert: das Protokoll, die Videoaufnahme, die Aussage der Nachbarin aus dem fünften Stock, die den Ausdruck „Fremdkörper“ deutlich gehört hat. Auch der Schlüsseldienst vom ersten Vorfall hat schriftlich bestätigt, welchen Betrag man ihm für das Aufbohren angeboten hatte.
Daniel nimmt inzwischen den Hintereingang zur Arbeit – er rechnet täglich mit dem Gerichtsvollzieher. Die Verhandlung wegen meiner Forderung ist für Januar angesetzt. Schuldscheine, Kontoauszüge, Screenshots – alles sortiert, nummeriert, dreifach kopiert. Sein Anwalt wird ihm kaum Hoffnungen machen können. Von seinem Gehalt als Sicherheitsmitarbeiter in einem Einkaufszentrum werden künftig fünfzig Prozent einbehalten, bis die Summe beglichen ist. Ich habe nachgerechnet: ungefähr acht Jahre wird es dauern.
Die „Familie“ – entfernte Cousins, irgendwelche Tanten aus Münster, die ich in fast drei Jahrzehnten nie gesehen habe – ruft nun regelmäßig an. Der Wortlaut ist immer derselbe: „Johanna, sie ist doch eine alte Frau, hab Erbarmen, sie hat ihr Leben lang für die Familie gelebt.“ Meine Antwort bleibt ebenfalls gleich: „Ich habe achtundzwanzig Jahre lang Rücksicht genommen. Das genügt.“ Dann lege ich auf und blockiere die Nummer.
Thomas’ Nichte schrieb mir eine Nachricht:
„Tante Johanna, du bist herzlos. Onkel Thomas dreht sich im Grab um.“
Ich reagierte nicht. Stattdessen holte ich am Abend die alte Schachtel mit Briefen hervor. In den neunziger Jahren, als wir noch nicht verheiratet waren, schrieb Thomas mir aus der Kaserne. In einem Brief stand: „Du bist stark wie Stahl, Johanna, genau das liebe ich an dir. Lass dir niemals gefallen, wie meine Eltern dich behandeln. Hörst du?“
Jetzt höre ich es. Endlich.
Meine neue Tür ist gepanzert, mit drei Schlössern und Kamera. 112.000 Euro hat sie gekostet. In mein Notizbuch schrieb ich: „Forderung gegen Verwandte + neue Tür = 614.000 Euro.“ Ich werde jeden Cent eintreiben.
Ich schlafe wieder – bis acht Uhr morgens, ohne Tabletten. Zum ersten Mal seit drei Jahren.
Frieda erzählt inzwischen überall, ich hätte Thomas vergiftet und wolle nun seine Mutter vernichten. Vor dem Haus wird getuschelt. Die Nichte meldet sich nicht mehr. Eine entfernte Tante aus Münster schickte mir eine SMS: „Mögest du in der Hölle schmoren.“
Und wissen Sie was?
Es berührt mich nicht mehr.
War ich zu hart gegenüber dieser alten Frau und ihrem gescheiterten Sohn? Oder war es längst überfällig, nach achtundzwanzig Jahren Schweigen endlich die Aufnahmefunktion zu drücken und die Polizei zu rufen?
