„Mach auf, Lenja. Hier hat der Sohn das Sagen – nicht dieses angeheiratete Anhängsel.“
Die Stimme meiner Schwiegermutter drang durch die Wohnungstür bis in die Küche. Ich erstarrte, die Tasse noch in der Hand. Ein Schwall Kaffee schwappte über den Rand und tropfte auf meinen Morgenmantel, doch ich spürte es kaum. Achtundzwanzig Jahre lang hatte ich genau diesen Ton gehört. Achtundzwanzig Jahre lang erklärte er mir, ich sei „nicht von unserem Schlag“, „keine passende Frau für Thomas“, „eine Zugelaufene aus Dortmund“.
Und jetzt befahl dieselbe Stimme, meine Tür aufzubrechen.
Vorsichtig stellte ich die Tasse ab und schlich in den Flur. Draußen atmete schwer Daniel Beck – der jüngere Bruder meines verstorbenen Mannes. Genau jener Daniel, dem ich in sechs Jahren angeblich „nur kurz“ 480.000 Euro geliehen hatte. Geld, das er mir jedes Mal mit den Worten versprach zurückzugeben: „Johanna, ganz bald, wirklich, nur noch ein paar Tage.“
„Mama, und wenn sie doch zu Hause ist?“, murmelte er unsicher.

„Sie ist nicht da. Ich habe sie heute früh angerufen, sie geht nicht ran. Bestimmt ist sie wieder in ihr Häuschen gefahren. Das ist unsere Gelegenheit.“
Ein Lächeln zog sich über mein Gesicht. Zum ersten Mal seit Thomas’ Beerdigung vor drei Jahren lächelte ich so, dass mir die Wangen schmerzten. Mein Handy steckte seit sechs Uhr morgens lautlos in meiner Manteltasche. Mit Absicht. Ich hatte gewartet.
Sechs Monate lang hatte ich auf diesen Moment hingearbeitet.
Begonnen hatte alles – ausgerechnet – mit einer Suppe. Genauer gesagt mit einem Topf Borschtsch, den Frieda Roth im Sommer 2003 demonstrativ in mein Spülbecken kippte. Ich war im siebten Monat schwanger, hatte drei Stunden gekocht, und sie kam herein, roch daran und sagte kühl:
„Das ist gefärbtes Wasser. Mein Sohn wird so etwas nicht essen.“
Dann drehte sie den Topf um. Drei Liter landeten im Abfluss. Thomas schwieg. Ich ebenfalls. Ich redete mir ein: Sie ist eben von der alten Schule, reg dich nicht auf. Für das Kind sind Ruhe und Nerven wichtiger als jede Suppe.
Ich hielt durch. Achtundzwanzig Jahre.
In dieser Zeit durfte ich mir anhören, ich sei „unterkühlt“, „nicht mütterlich“ – obwohl ich eine Tochter zur Welt gebracht hatte, die allerdings „nicht in unsere Familie passt“ –, ich sei ehrgeizig, stolz, „zu geschniegelt für eine Ehefrau“. Ich arbeitete in der Rechtsabteilung eines großen Unternehmens, war viel auf Dienstreise, und genau von meinen Prämien kauften wir 2005 diese Wohnung: 112 Quadratmeter, zwei Loggien, Blick ins Grüne. Heute würde man dafür rund elf Millionen zahlen.
Thomas sagte seiner Mutter immer wieder:
„Mama, die Wohnung hat Johanna finanziert. Von meinem Gehalt als Sportlehrer hätten wir uns höchstens eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung leisten können.“
Frieda nickte dann, presste die Lippen aufeinander – und begann zehn Minuten später erneut:
„Thomas, du bist doch der Mann im Haus. Alles lastet auf deinen Schultern.“
Vor drei Jahren starb er. Morgens stand er auf, ging ins Bad – und kam nicht zurück. Herzversagen. Ich rief den Notarzt, ich fuhr mit ins Krankenhaus, ich regelte alles. Frieda erschien zur Beerdigung und stellte mir als Erstes eine Frage:
„Johanna, wo sind die Schlüssel zu Thomas’ Wohnung? Gib mir einen Satz, ich komme dann vorbei und gieße die Blumen.“
Ich habe nie Blumen in der Wohnung gehabt. Ich reagiere allergisch.
Trotzdem gab ich ihr einen Schlüssel. Aus Erschöpfung. Aus Trauer. Aus dieser jahrzehntelangen Gewohnheit, nachzugeben. Es war der größte Fehler meines Lebens.
Vor einem halben Jahr kam ich von einer Beratung zurück – ganz aufgehört zu arbeiten habe ich nie, ich betreue noch Mandanten – und entdeckte im Flur fremde Schuhe. Größe fünfundvierzig. In meiner Küche saßen Frieda Roth und Daniel Beck. An meinem Tisch. Sie tranken meinen Tee aus meinen Tassen. Vor ihnen lagen meine Unterlagen. Die Mappe mit der Aufschrift „WOHNUNG“ war aus dem Schrank gezogen und geöffnet worden.
„Ach, Johanna, du bist da“, sagte Frieda, ohne aufzustehen. „Daniel und ich haben gesprochen. Er hat keine Bleibe, Laura hat ihn rausgeworfen, das Kind ist noch klein. Wir dachten, er meldet sich vorübergehend hier an. Fünf, vielleicht zehn Jahre.“
Langsam zog ich meinen Mantel aus.
„Frau Roth, wer hat Sie hereingelassen?“
„Ich habe doch einen Schlüssel, schon vergessen?“ Sie lachte kurz auf. „Außerdem gehört die Wohnung meinem Sohn.“
„Die Wohnung habe ich bezahlt. Von meinem Geld.“
„Ach, fang nicht wieder an. Thomas war der Ernährer. Ohne ihn wärst du doch…“
Ich trat an den Tisch, sammelte ruhig meine Papiere ein, legte sie ordentlich übereinander und schloss die Mappe. Dann nahm ich aus meiner Tasche eine schmale blaue Akte – seit zwei Monaten trug ich sie ständig bei mir. Ein Instinkt hatte mir gesagt, ich würde sie brauchen. Darin befanden sich dreiundzwanzig Schuldscheine, alle von Daniel unterschrieben, auf kariertem Papier aus dem Schulheft meiner Tochter. Außerdem Kontoauszüge mit sämtlichen Überweisungen – halbjährlich ausgedruckt. Eine berufliche Angewohnheit.
Frieda beobachtete jede meiner Bewegungen. Sie verstand noch nicht, was gleich geschehen würde, aber sie spürte, dass sich etwas zusammenbraute. Ihr Gesicht verlor die Farbe und wurde grau wie alter Gips.
