„In meinem Haus wirst du mich nicht belügen!“ rief er besitzergreifend, sie seufzte nur müde

Diese überhebliche Wut ruiniert jede zaghafte Hoffnung.
Geschichten

— Hast du eigentlich auch nur im Ansatz eine Ahnung, was du da gerade tust?

Nicht die Pfanne flog. Es war die Salatschüssel. Schweres Glas, randvoll mit Kartoffelsalat, den ich nach der Arbeit noch schnell zusammengerührt hatte, während in der Waschmaschine seine Socken gegen die Trommel schlugen und auf der Fensterbank der Wasserkocher langsam auskühlte. Die Schüssel krachte neben dem Kühlschrank gegen die Wand, zerbarst in Dutzende Splitter, und die Masse aus Kartoffeln und Mayonnaise rutschte träge die helle Tapete hinunter.

Ich stand am Spülbecken, die Hände noch nass, und beobachtete, wie eine Glasscherbe über die Fliesen trudelte.

— Sebastian Heinrich, bist du noch ganz bei Trost?

— Ich? Ich soll nicht bei Trost sein? — Er kam auf mich zu und riss sich dabei die Jacke auf, als würde sie ihm die Luft abschnüren. — Meine Karte ist gesperrt, mein Chef bombardiert mich mit Anrufen, im Kühlschrank herrscht gähnende Leere, und du setzt mir so was vor?

— Erstens ist genug Essen da. Zweitens wurde deine Karte nicht wegen mir gesperrt. Und drittens ruft dein Chef auch nicht meinetwegen an.

— Ach, jetzt geht das wieder los. Anna Hermann hält mir einen Vortrag?

— Ich halte keinen Vortrag. Ich bitte dich lediglich, nicht zu schreien.

— Normal reden? Du redest schon lange nicht mehr normal mit mir.

— Und du? Wann hast du mich zuletzt wie einen Menschen behandelt?

Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. Nicht, weil es lustig war, sondern weil in ihm längst etwas überdreht hatte.

— Wie einen Menschen? Benimmst du dich denn wie einer? Wo ist die Hälfte deines Gehalts geblieben?

— Die Nebenkosten sind bezahlt. Und übrigens auch deine überfällige Internetrechnung.

— Lüg mich nicht an.

— Ich lüge nicht.

— In meinem Haus wirst du mich nicht belügen!

An dieser Stelle seufzte ich nur noch. Keine Angst, keine Empörung — einfach Müdigkeit. Seit drei Jahren hörte ich dieses „mein Haus“. Dabei gehörte die Wohnung seiner Mutter. Wir hatten gemeinsam renoviert. Das Sofa hatte ich von meiner Prämie bezahlt. Töpfe, Vorhänge, Geschirr, das Bügeleisen, sogar einen Teil der Möbel hatte ich hierhergeschleppt.

— Es ist nicht dein Haus, Sebastian. Hör endlich auf damit. Wird dir das nicht selbst zu dumm?

Er trat dicht an mich heran. Ich roch nassen Asphalt, Zigaretten, Automatenkaffee — und Wut. Wut hat tatsächlich einen Geruch. Metallisch.

— Sag das noch einmal.

— Es ist nicht dein Haus.

Seine offene Hand traf mein Gesicht. Nicht mit voller Kraft, aber hart genug, dass mein Kopf zur Seite riss und es in meinen Ohren pfiff. Ich starrte ihn an.

— Was hast du gerade getan?

— Und was hast du gesagt?

— Du hast mich geschlagen.

— Fang jetzt nicht mit einer Szene an.

— Ich? Eine Sze…

Der zweite Schlag erwischte mein Jochbein. Danach stieß er mich an der Schulter. Mit der Hüfte prallte ich gegen den Tisch, riss einen Hocker mit und konnte mich gerade noch auf den Beinen halten.

— Sebastian, geh weg von mir.

— Sonst was?

— Geh. Weg.

— Oder? Rufst du deine Mami an? Außer deinem Mundwerk hast du doch nichts.

Ich griff nach dem Handy auf der Fensterbank. Seine Finger schlossen sich um mein Handgelenk.

— Lass es.

— Lass mich los.

— Ich habe gesagt, lass es!

Er riss so heftig, dass mein Ellbogen gegen die Heizung schlug. Der Schmerz schoss bis in die Fingerspitzen. Ich zischte auf, versuchte mich zu drehen. Da traf mich seine Faust an der Schulter, dann noch einmal, irgendwo am Schlüsselbein. Ich verlor den Überblick, zog nur noch die Arme über den Kopf. Er schlug schnell, verbissen, als wollte er nicht mich treffen, sondern etwas aus sich herausprügeln.

Und genauso abrupt hörte er auf.

Er stand über mir, atmete schwer. Ich saß auf dem Boden und presste die Hand gegen meine Lippe. Als ich sie wegnahm, war sie rot.

— Pack deine Sachen, — sagte er leise. Dieses Flüstern war schlimmer als sein Brüllen. — In einer Stunde will ich dich hier nicht mehr sehen.

— Ich habe keinen Ort, wo ich hin kann.

— Nicht mein Problem.

— War es das jemals?

— Schluss jetzt. Ich fahre zu meiner Mutter. Und wage es ja nicht, dich bei ihr zu beschweren. Ich sage ihr einfach, du hast wieder ein Theaterstück aufgeführt.

Er schnappte sich die Schlüssel, schlug die Tür so heftig zu, dass im Flur die Garderobe schwankte, und war weg.

Ich blieb in der Küche sitzen, hörte im Bad den Wasserhahn tropfen und dachte an etwas Seltsames: Wenn Glas zerbricht, sieht man die Splitter. Bei einem Menschen dagegen passiert das fast lautlos. Von außen hört man höchstens, wie der Atem stockt.

Langsam stand ich auf, ging zum Spiegel und verzog das Gesicht. Die Lippe schwoll bereits an. Unter dem Auge zeichnete sich Blau ab. Am Hals bildeten sich Flecken. Ein ganz normales Eheleben also. Mit Kühlschrank, Autokredit, Wasserkistenlieferung — und Schlägen zwischen Abendessen und Wäsche.

Zum Telefon griff ich erst nach einer Weile. Am allerwenigsten wollte ich Katharina Sommer anrufen. Meine Schwiegermutter. Eine Frau, die es schaffte, mit einem einzigen Blick klarzumachen, dass man alles falsch machte: die Suppe zu salzig, die Vorhänge zu dunkel, der Ton unpassend.

Doch ich hatte niemanden sonst.

Sie meldete sich nach dem dritten Klingeln.

— Ja?

— Katharina Sommer, ich bin es.

— Das höre ich. Was ist diesmal?

— Holen Sie bitte Ihren Sohn ab.

Stille.

— Bist du betrunken?

— Nein.

— Dann drück dich verständlich aus. Ich bin nicht verpflichtet, Rätsel zu lösen. Sebastian hat eben angerufen. Er meinte, du hättest wieder eine Vorstellung gegeben.

Ich setzte mich auf den Wannenrand und starrte auf die Fliesen.

— Es war keine Vorstellung. Ihr Sohn hat mich geschlagen.

Am anderen Ende wurde es vollkommen ruhig, als hätte sie den Raum verlassen.

— Was hast du gesagt?

— Genau das. Er hat mich geschlagen. Wenn Sie glauben, ich übertreibe, kommen Sie vorbei und sehen Sie selbst nach. Und wenn Sie nicht kommen, rufe ich die Polizei und lasse die Verletzungen dokumentieren.

— Anna, wage es nicht, mir zu drohen.

— Ich drohe nicht. Ich informiere Sie.

— Bist du sicher, dass du ihn nicht provoziert hast? — Ihre Stimme klang nun weniger hart, eher unsicher, doch die Frage traf wie ein weiterer Schlag.

Ich musste sogar kurz lachen, was meine Lippe sofort brennen ließ.

— Natürlich. Wahrscheinlich habe ich auch selbst den Salat an die Wand geschmiert. Und mich eigenhändig gegen die Heizung gestoßen. Das blaue Auge habe ich mir sicher auch selbst verpasst. Kommen Sie. Oder lassen Sie es. Aber erzählen Sie später nicht, Sie hätten von nichts gewusst.

Ich beendete das Gespräch und spürte zum ersten Mal an diesem Abend keine Angst, sondern Zorn. Einen klaren, kalten Zorn, wie Leitungswasser im Winter.

Sie kam nach vierzig Minuten.

Nicht

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