„Ich gehe, damit du endlich begreifst, wen du verlierst!“ rief Lukas theatralisch, stopfte Socken in seine Sporttasche und riss dabei beinahe die Lieblingsvase vom Regal

Diese beschämende Heuchelei ist einfach unerträglich.
Geschichten

„…eine unverschämte Person!“ keuchte Katharina Hermann empört ins Telefon. „Ein Mann braucht schließlich Freiraum! Du zerstörst mit deinem Egoismus die Ehe! Ich werde mich beschweren – beim Betriebsrat, wo auch immer!“

Ich musste lachen. „Dann versuchen Sie es doch bei der Lottozentrale, vielleicht haben Sie dort mehr Erfolg. Und hören Sie mal, Katharina Hermann – Sie haben doch immer betont, Ihr Lukas sei ein wahrer Goldschatz. Wunderbar. Nehmen Sie Ihr Juwel wieder an sich. Aber pürieren Sie ihm bitte weiterhin das Essen, nicht dass er noch verlernt, selbst zu kauen.“

Am anderen Ende entstand ein würgendes Geräusch. Sie rang hörbar nach Luft, vermutlich für eine besonders dramatische Verwünschung, doch offenbar blieb ihr die eigene Galle im Hals stecken.

Das abrupte Auflegen klang wie ein antikes Faxgerät, das das Papier verschluckt.

Drei Monate vergingen wie im Zeitraffer. Als ich zurückkam, fühlte ich mich leichter denn je: neue Frisur, ein ordentliches finanzielles Polster und vor allem die klare Gewissheit, dass mein altes Leben nicht mehr zu mir passte.

Die Wohnung empfing mich makellos. David Kraus und Stella Otto hatten sich als Glücksgriff erwiesen – alles blitzte, der Boden glänzte, sogar der tropfende Wasserhahn war repariert. Für diese Kleinigkeit hatte Lukas ein ganzes Jahr lang „keine Zeit“ gefunden.

Keine zwei Stunden später stand er vor meiner Tür.

Er sah erschreckend verändert aus: eingefallenes Gesicht, fahle Haut, das Hemd zerknittert. Drei Monate unter der Daueraufsicht seiner Mutter hatten ihn schneller altern lassen, als ich es für möglich gehalten hätte.

„Anna…“, begann er und starrte auf meine Fußmatte. „Jetzt hör doch auf, beleidigt zu sein. Ich hab nachgedacht. Und Mama… na ja, sie hat auch übertrieben. Lass uns neu anfangen. Ich hab meine Sachen gleich wieder mitgebracht.“

Er wollte an mir vorbei in den Flur treten.

Ich schob meinen Koffer quer vor die Tür.

„Es gibt nichts neu zu beginnen, Lukas. Du wolltest mir beibringen, einen Mann im Haus zu schätzen? Das habe ich gelernt. David hat den Wasserhahn in dreißig Minuten repariert. Du hast ein Jahr lang geklagt, dass dir die Zeit fehlt, eine Dichtung zu kaufen.“

„Aber ich bin dein Ehemann!“, rief er. In seinen Augen lag plötzlich diese kindliche Panik – wie bei einem Jungen, dem man den Platz im Sandkasten streitig macht.

„Du warst mein Mann. Irgendwann wurdest du zur Last“, erwiderte ich ruhig. „Deine Kartons stehen unten beim Pförtner. Gib mir bitte die Schlüssel.“

„Das kannst du nicht machen!“, fauchte er und versuchte, alte Dominanz aufzubauen. „Ich klage mir die Hälfte der Renovierung ein!“

Ich lächelte gelassen. „Die Renovierung hat mein Vater bezahlt, sämtliche Rechnungen liegen hier. Dein Beitrag beschränkte sich auf endloses Nörgeln. Mehr Tapete als Arbeit war da nicht.“

Er blinzelte verwirrt, als hätte jemand heimlich das Drehbuch seines Lebens umgeschrieben. Sein groß angelegter Plan, mich zu „erziehen“, war zu seiner persönlichen Niederlage geworden.

Ich schloss die Tür.

Das Einrasten des Schlosses klang wie der Startschuss zu etwas Neuem.

Was aus Lukas wurde? Man erzählt sich, er wohne noch immer bei Katharina Hermann. Sie überwache inzwischen nicht nur seinen Speiseplan, sondern auch seine Schlafenszeiten und jedes Telefongespräch. Er gehe gebückt durch die Straßen, spreche leise und blicke ständig zu Boden – als fürchte er, auf eine der unsichtbaren Minen zu treten, die ihre Launen überall hinterlassen.

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