„Sie ist schwanger. Von mir.“ verkündete Alexander kalt, während Sophia reglos das Geschirrtuch sinken ließ

Diese kalte Gleichgültigkeit ist schlicht unerträglich.
Geschichten

In dieser Zwischenzeit, in der der Winter nur widerwillig wich und die Tage heller wurden, saß Sophia an einem der kleinen runden Tische in dem Café unweit ihres Büros. Es war genau das Lokal, in dem sie früher mit Alexander fast jeden Samstag gefrühstückt hatte. Damals gehörte dieser Ort zu ihrem gemeinsamen Ritual. Jetzt kam sie allein – unter der Woche, nach der Mittagspause, wenn kaum Gäste da waren und das Stimmengewirr gedämpft blieb.

Ohne lange in die Karte zu sehen, bestellte sie wie immer: einen Latte ohne Sirup und ein Haferkeks. Nichts Ausgefallenes. Nichts, das Entscheidungen verlangte.

Sie hatte den Platz am Fenster gewählt. Eine einzelne Regentropfenspur zog sich gemächlich über das Glas. Ihr Handy lag neben der Tasse, mit dem Display nach unten. Es blieb still – schon seit Wochen.

Die Türglocke klingelte leise, als Ben eintrat. Groß war er geworden, ein wenig nach vorne gebeugt von den vielen Stunden am Rechner, doch sein Lächeln war unverändert – warm, vertraut. Mit einem selbstverständlichen Griff stellte er seine Kaffeetasse auf den Tisch und setzte sich ihr gegenüber.

„Also“, sagte er und rieb sich die Hände, „Zeit für den Quartalsbericht, Schwesterherz.“

Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Sophias Gesicht.

„Der Bericht ist vollständig“, erwiderte sie ruhig. „Die Wohnung läuft jetzt offiziell nur noch auf meinen Namen. Die Verhandlung war nach einem Tag erledigt. Alexander ist nicht erschienen – lediglich sein Anwalt. Er hat sich alles angehört, dem Vergleich zugestimmt, unterschrieben. Das war’s.“

Ben nickte anerkennend.

„Und das Auto?“

„Verkauft. Das Geld liegt auf einem Festgeldkonto. Die Zinsen sind nicht überwältigend, aber zuverlässig. Für den Anfang reicht es.“

Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee, musterte sie kurz.

„Und wie geht es ihm?“

Sophia zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich meine Informationsquelle. Mama hat ihn vor zwei Wochen im Supermarkt gesehen. Sie meinte, er wirkte abgezehrt. Paula ist im achten Monat, kommt kaum noch die Gänge entlang. Er schiebt den Einkaufswagen und starrt auf den Boden.“

Sie schwieg einen Moment und beobachtete, wie der Tropfen am Fenster schließlich seinen Halt verlor und schneller nach unten rann.

„Weißt du“, sagte sie leise, „ich empfinde nicht einmal Mitleid. Ich dachte, ich würde ihn hassen. Oder wenigstens bedauern. Aber da ist… nichts. Keine Regung. Als hätte ich ein Kapitel sauber beendet und das Buch umgeblättert.“

Ben sah sie lange an. „Nach zehn Jahren mit einem Mann, der meinte, Anspruch auf dein ganzes Leben zu haben, ist das kein Nichts“, sagte er ruhig. „Es ist Raum. Du hast dein eigenes Leben zurück. Das fühlt sich vielleicht leer an – ist aber Freiheit.“

In seinem Blick lag weder Genugtuung noch Tadel, nur stille Rückendeckung.

„Ich habe übrigens etwas getan“, begann sie nach einer Weile. „Ich habe ein Ticket gekauft. Für Mai. Nach Leipzig. Fünf Tage allein. Ich will an der Elster entlanglaufen, ins Museum der bildenden Künste gehen, in kleinen Cafés sitzen, in denen niemand weiß, wer ich bin.“

Ben lächelte. „Das klingt genau richtig.“

„Und danach“, fuhr sie fort und zögerte kurz, „möchte ich mich für einen Kurs anmelden. Ich weiß noch nicht genau welchen. Vielleicht Innenarchitektur. Vielleicht Fotografie. Etwas, das ich immer verschoben habe – auf irgendwann.“

„Dieses Irgendwann ist jetzt“, sagte er leise.

Sie nickte. „Ja. Jetzt.“

Sie saßen noch eine Weile schweigend da. Draußen begann ein feiner Frühlingsregen – einer, der nicht durchnässt, sondern nur daran erinnert, dass alles im Wandel ist.

Sophia leerte ihre Tasse, strich die Keksbrösel in eine Serviette.

„Gehen wir?“

„Gehen wir.“

Auf der Straße war der Regen deutlicher zu spüren. Doch sie spannte keinen Schirm auf. Sie schlug lediglich den Mantelkragen hoch und ging neben ihrem Bruder her, ließ die kühlen Tropfen auf ihr Gesicht fallen.

An der Ecke blieb sie stehen.

„Ben?“

„Hm?“

„Danke. Für alles.“

Er antwortete nicht mit großen Worten, sondern nickte nur knapp. Dann zog er sie für einen kurzen Moment an sich.

„Ab nach Hause“, sagte er. „Sonst holst du dir noch eine Erkältung. Und ruf an, wenn irgendwas ist.“

„Mach ich.“

Sie setzte ihren Weg allein fort. Der Regen wurde stärker, aber es störte sie nicht. Mit gleichmäßigen Schritten ging sie durch die Straßen, spürte, wie sich in ihrem Inneren etwas entfaltete, das lange zusammengepresst gewesen war.

Zu Hause schaltete sie lediglich im Flur das Licht ein. Den nassen Mantel hängte sie ordentlich auf. In der Küche stellte sie den Wasserkocher an und nahm die Tasse mit den kleinen Gänseblümchen aus dem Schrank.

Während das Wasser erhitzte, trat sie ans Fenster. Unten glänzte der Asphalt schwarz im Licht der Laternen. Pfützen spiegelten die gelben Kreise.

Irgendwo, in einer anderen Wohnung, half Alexander vielleicht gerade Paula ins Bett, reichte ihr ein Glas Wasser, strich ihr über den Rücken. Vielleicht flüsterte er ihr etwas Zärtliches zu. Vielleicht glaubte er sogar, das sei Glück.

Sophia stand hier – allein, aber nicht verlassen. Die warme Tasse in ihren Händen, der Dampf an ihrem Gesicht, das Zugticket in ihrer Handtasche.

Sie nahm einen Schluck. Heiß. Wohltuend.

Dann sagte sie leise in die Stille der Küche: „Also gut… willkommen, neues Leben.“

Und zum ersten Mal seit vielen Jahren lächelte sie ohne Anstrengung. Ohne Erwartung. Ohne den Wunsch nach Bestätigung. Einfach für sich selbst.

Draußen fiel der Regen weiter, geduldig und gleichmäßig, als würde er das Alte fortspülen und Platz schaffen für das, was kommen sollte.

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