Allerdings nicht mit dem, was er mir aufgetragen hatte.
Stattdessen landete preiswerter Seelachs im Einkaufswagen, reduziert wegen nahendem Ablaufdatum. Zwei Kilo schlichtes Hackfleisch, drei Laibe graues Brot vom Vortag. Ein großes Glas Zucchini-Aufstrich – die günstigste Marke im Regal. Dazu eine Packung leicht gesalzener Lachs, die kleinsten, magersten Stücke. Ich schnitt sie in winzige Würfel, so fein, dass man sie auf den ersten Blick für Kaviar hätte halten können. Von marmoriertem Edelrind keine Spur. Ich taute ein Stück gewöhnliches Rinderfilet auf, das ich im Sonderangebot ergattert hatte, drehte es mit eingeweichtem Brot und etwas Soja durch den Fleischwolf, mischte Zwiebeln und Knoblauch darunter – am Ende entstanden saftige, goldbraune Frikadellen. Der Buchweizen kochte locker und körnig, mit einem guten Löffel Butter verfeinert.
All das bereitete ich nachts zu, wenn die Wohnung endlich still war. Meine Finger zitterten, doch ich machte weiter. Vor meinem inneren Auge tauchte Amelie auf, wie sie tapfer erklärte, sie könne auch ohne Zahnspange leben. Ich dachte an Philipp, der seiner Mutter weiterhin vorspielte, beruflich sei alles in bester Ordnung, obwohl man ihn längst entlassen hatte. Und ich hörte wieder Magdalena Lorenz auf unserer Hochzeit, wie sie laut zu ihrer Schwester sagte: „Na endlich, jetzt haben wir wenigstens Hilfe im Haus.“
Am Samstagmorgen fuhren wir zu ihr. Ich schleppte die schweren Taschen, während Philipp mit leeren Händen vorausging. Im Aufzug musterte er meine Jacke – abgewetzt an den Ellbogen, alt, aber warm – und verzog das Gesicht.
„Willst du nicht etwas Anständigeres anziehen?“ fragte er.
„Das hier ist anständig“, entgegnete ich ruhig. „Und es hält warm.“
Er schwieg.
In der Wohnung seiner Mutter hatte sich die Verwandtschaft bereits versammelt. Stefanie Lang, die Schwester, thronte auf dem Sofa und begutachtete kritisch das Gedeck. Cousins, Nichten, sogar die Nachbarin aus dem Erdgeschoss – an die zehn Personen. Magdalena Lorenz saß am Kopfende des Tisches in einem neuen Kleid, das sie sich, wie ich wusste, von meinem Geld gegönnt hatte. Philipp hatte vorgeschlagen, für ein Geschenk zusammenzulegen – selbst beigesteuert hatte er nichts.
„Da sind ja unsere Ehrengäste!“ rief sie theatralisch. „Philipp, mein Junge, komm her.“
Er küsste sie auf die Wange und verkündete laut genug für alle: „Lena und ich fanden, du verdienst heute nur das Beste. Sie hat tagelang vorbereitet, kaum geschlafen.“
Stefanie zog die Lippen schmal. „Und wovon, wenn man fragen darf?“ Ihr Blick glitt demonstrativ über meine alte Jacke. „Deine Frau trägt ja immer noch denselben Mantel. Hast du etwa eine Prämie bekommen, Philipp?“
„Ach, wir kommen schon zurecht“, wich er aus.
Ich verschwand in der Küche. Von dort hörte ich das Klirren der Gläser, das Rücken der Stühle, Magdalenas Kommandoton. Niemand kam herein. Ich war Luft.
Eine Stunde später steckte Philipp den Kopf durch die Tür. „Was dauert denn so lange? Alle sitzen schon. Der Kaviar fehlt noch.“
„Kommt sofort“, sagte ich.
Ich arrangierte die Teller mit den Lachswürfeln, die als Delikatesse durchgehen sollten, und trug sie hinaus. Applaus brandete auf. Magdalena nickte gönnerhaft.
„Na, unsere Schwiegertochter kann ja doch etwas“, meinte Stefanie süßlich, doch der Neid vibrierte in ihrer Stimme.
Ich brachte danach die Frikadellen und den Buchweizen, stellte sie jedoch auf einem separaten Tisch ab, die Deckel noch geschlossen. Im Esszimmer wurden bereits die ersten Trinksprüche ausgebracht. Philipp lobte seine Mutter, pries ihre Opferbereitschaft, ihre Stärke. Seine Worte klangen pathetisch, und in mir breitete sich eine kalte Klarheit aus.
Als der Hauptgang verteilt wurde, überschlugen sich die Komplimente. Die Nachbarin beteuerte, sie habe noch nie so zartes Fleisch gegessen. Stefanie verlangte Nachschlag. Philipp schenkte Cognac ein und strahlte wie ein Gastgeber, der sich selbst feierte.
Schließlich nahm ich die letzte große Platte, sorgfältig mit einem Deckel bedeckt, und trat ins Zimmer. Gespräche verstummten, Gläser hielten in der Luft inne.
„Und was ist das?“ fragte Magdalena Lorenz misstrauisch.
Ich lächelte. „Eine kleine Überraschung. Philipp wollte dich doch unbedingt verwöhnen, Mama.“
