„Es reicht mit deinem Theater“ fauchte Brigitte Schneider und forderte die Überschreibung der Wohnung

Diese kaltherzige Forderung fühlt sich unerträglich an.
Geschichten

„Wo bist du?“, fragte er ohne Begrüßung.

„In der Stadt.“

„Meine Mutter kommt um sechs. Wir müssen reden.“

Laura atmete einmal ruhig durch. „Ich weiß, dass ihr versucht habt, eine Kopie meiner Unterlagen zu bekommen“, sagte sie sachlich, beinahe beiläufig.

Am anderen Ende entstand eine Pause. Länger als die vom Vortag. Schwerer.

„Was soll das denn heißen?“, entgegnete Sebastian schließlich.

„Michael Berger. Notariat in der Lindenstraße. Vor drei Wochen. Der Antrag wurde abgelehnt.“

Die Stille veränderte sich. Sie klang nicht mehr überrascht, sondern kalkulierend.

„Das ist ein Missverständnis“, erklärte er nach einigen Sekunden.

„Mag sein“, antwortete Laura ruhig. „Deshalb liegt jetzt ein Sperrvermerk auf der Wohnung. Keine Transaktionen ohne meine persönliche Zustimmung. Nur für den Fall weiterer Missverständnisse.“

Sie beendete das Gespräch, bevor er reagieren konnte.

Um Punkt sechs erschien Brigitte Schneider. Sie betrat die Wohnung mit der Haltung einer Frau, die überzeugt ist, gleich Ordnung zu schaffen. Sie nahm in „ihrem“ Sessel Platz, stellte ihre Handtasche ordentlich auf die Knie und sah sich prüfend um.

Laura saß ihr gegenüber. Sebastian hatte wieder das Sofa gewählt.

„Nun“, begann Brigitte Schneider mit einem dünnen Lächeln, „hast du dich inzwischen beruhigt?“

„Ja“, erwiderte Laura. „Vollständig.“

Irgendetwas in ihrer Stimme ließ die Schwiegermutter die Augen leicht verengen.

„Dann können wir ja vernünftig miteinander sprechen.“

„Gern.“ Laura zog ein Blatt Papier aus ihrer Tasche und legte es auf den Couchtisch. „Aber zuerst hätte ich gern eine Erklärung für den Versuch, vor drei Wochen eine Zweitschrift meiner Erbunterlagen zu erhalten.“

Sebastian hob ruckartig den Kopf. Brigitte Schneider blickte auf das Dokument. Zum ersten Mal, seit Laura sie kannte, blieb sie einen Moment sprachlos.

„Das war lediglich eine Nachfrage“, sagte Sebastian.

„Eine Nachfrage nach meinem Erbschein“, präzisierte Laura, „ohne mein Wissen und ohne Vollmacht.“

„Unterstellst du uns etwas?“ Die Stimme der Schwiegermutter gewann ihre gewohnte Schärfe zurück, doch darunter lag Vorsicht.

„Ich unterstelle nichts“, antwortete Laura ruhig. „Ich informiere euch nur. Die Wohnung ist rechtlich abgesichert. Ich habe mich beraten lassen. Geerbtes Eigentum fällt im Fall einer Scheidung nicht in den Zugewinnausgleich. Und ich kenne meine Rechte.“

Das Wort Scheidung fiel in den Raum wie ein schwerer Gegenstand.

Sebastian stand auf. „Niemand spricht von Scheidung.“

„Ich auch nicht“, entgegnete sie. „Ich spreche davon, dass ich weiß, was mir gehört. Das ist doch normal. In einer Familie.“

Die letzten Worte klangen nicht spöttisch. Sie gab sie lediglich zurück.

Brigitte Schneider erhob sich, strich ihr Jackett glatt und griff nach ihrer Tasche.

„Das besprechen wir ein andermal“, sagte sie kühl.

„Wie du meinst“, antwortete Laura.

Die Tür fiel ins Schloss. Sebastian blieb noch einen Augenblick stehen und sah seine Frau an – mit einem Blick, in dem sich Ärger, Unsicherheit und vielleicht ein Rest Respekt mischten. Dann ging er wortlos in die Küche.

Laura blieb allein im Wohnzimmer zurück.

Draußen gingen die Straßenlaternen an. Die Stadt summte wie immer – groß, gleichgültig, lebendig. Irgendwo dort lag die Wohnung in der Friedenstraße mit dem knarrenden Parkett und den alten Holzfenstern, die sie selbst gestrichen hatte. In deren Scheiben sich im Sommer der Himmel gespiegelt hatte.

Sie nahm ihr Handy und schrieb Anna: „Alles in Ordnung.“

Nach kurzem Zögern ergänzte sie: „Ich habe das geregelt.“

Anna antwortete mit einem einzigen Wort und einem lächelnden Emoji. Es reichte.

Laura stand auf, ging in die Küche und setzte Wasser auf. Das Leben lief weiter. Nur diesmal zu ihren Bedingungen.

Im März wurde die Scheidung vollzogen. Ohne Drama. Kein Gerichtssaal, keine lauten Szenen. Zwei Menschen erschienen, unterschrieben die Unterlagen und verließen das Gebäude durch verschiedene Ausgänge.

Sebastian widersprach nicht. Vielleicht hatte er verstanden, dass es sinnlos war. Vielleicht hatte seine Mutter ihm endlich etwas Vernünftiges geraten. Laura wusste es nicht – und es interessierte sie auch nicht mehr.

Die Wohnung in der Friedenstraße blieb selbstverständlich in ihrem Besitz.

In der ersten Woche nach dem endgültigen Auszug packte sie Kisten aus und gewöhnte sich an die Stille. Nicht an jene bedrückende Stille nach einem Streit, sondern an die gewöhnliche, häusliche Ruhe: das gedämpfte Murmeln des Fernsehers beim Nachbarn, das Tropfen eines Wasserhahns, das vertraute Knarren des Bodens unter ihren eigenen Schritten.

Dieses Knarren mochte sie inzwischen.

Am ersten Wochenende kam Anna vorbei – mit ihrem Neffen und mehreren Topfpflanzen.

„Du brauchst Grün“, erklärte sie, während sie die Töpfe auf der Fensterbank verteilte. „Und vielleicht eine Katze.“

„Erst einmal übe ich mit den Pflanzen“, lachte Laura.

Es war das erste Mal seit Langem, dass sie ohne Anstrengung lachte.

Im April erhielt sie im Büro ein Angebot, das sie früher aus Rücksicht abgelehnt hätte: Sie sollte ein eigenes Projekt leiten, eine Idee, die seit zwei Jahren in einer Schublade gelegen hatte. Früher war zu Hause immer etwas gewesen, das ihre Konzentration unterbrach. Jetzt gab es niemanden mehr, der sie davon abhielt.

Abends setzte sie sich manchmal mit einer Tasse Tee ans Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Sie dachte nicht an die Vergangenheit. Eigentlich dachte sie an nichts Bestimmtes. Dieses Gefühl war neu – und angenehm.

Eines Tages fragte Anna vorsichtig: „Bereust du etwas?“

Laura überlegte ehrlich.

„Die vier Jahre vielleicht ein bisschen“, sagte sie schließlich. „Aber die Entscheidung? Nein.“

Anna nickte und ließ es dabei bewenden.

Draußen rauschte die Stadt – dieselbe wie immer: riesig, unbeteiligt, lebendig. Doch Laura bewegte sich nun anders durch sie. Ohne zurückzublicken.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber