— Ist dir eigentlich klar, Sophia, in was für einen Schlamassel wir da geraten sind? — Alexanders Stimme bebte, jedoch nicht vor Rührung über die erste Nacht als Ehemann, sondern vor einer kriechenden, unangenehmen Angst. Er hockte auf der Kante des übergroßen Hotelbetts, das mit aufgerissenen Umschlägen übersät war, und zählte mit fahrigen Bewegungen die Scheine nach. — Kannst du überhaupt rechnen oder schwirren dir nur deine Pflanzenkonzepte und dieses ganze Moos-Zeug im Kopf herum?
Sophia stand noch im Brautkleid vor dem Spiegel und mühte sich mit dem widerspenstigen Reißverschluss ab. Als sie sich zu ihm umdrehte, spürte sie, wie sich eine frostige Schicht in ihr ausbreitete. Vor einer Stunde hatten sie noch gelacht, getanzt, Glückwünsche entgegengenommen. Jetzt hing eine drückende Stille im Raum, schwer wie Blei.
— Alex, bitte, beruhig dich, — sagte sie leise und bemüht, seine Gereiztheit abzufedern. — Gut, das Fest hat sich nicht selbst getragen. Na und? Wir haben doch nicht für die Bilanz gefeiert, sondern für uns. Den Kredit zahlen wir Schritt für Schritt zurück. Ich nehme zusätzliche Aufträge für Bürobegrünungen an, du bekommst sicher bald wieder eine Prämie in deinem Escape-Room-Zentrum. Wir gehören doch zusammen.
— Zusammen? — Alexander sprang auf. Sein teurer Anzug war zerknittert, die Krawatte hing schief, und er wirkte wie ein in die Enge getriebenes Tier. — Hörst du dir eigentlich selbst zu? „Für uns“? Ich habe dreihunderttausend Euro auf meinen Namen aufgenommen! Dreihunderttausend! — Er schob das Geld auf dem Bett zu einem Haufen, als wäre es wertloser Abfall. — Und hier liegen gerade mal achtzigtausend. Achtzig! Das ist lächerlich. Das ist ein Desaster. Deine Verwandtschaft ist doch blank, Sophia. Sind die nur zum kostenlosen Schlemmen erschienen?
Sie erstarrte. Die anfängliche Nachgiebigkeit wich einer stillen Standhaftigkeit. Er war erschöpft, überreizt, redete im Affekt — redete sie sich ein. Geld konnte man verdienen. Man musste nur diesen Moment überstehen.

— Wage es nicht, so über meine Eltern oder meine Tanten zu sprechen, — entgegnete sie ruhig, aber mit fester Stimme. — Jeder hat gegeben, was möglich war. Clara zieht allein zwei Kinder groß, das weißt du. Und Andreas…
— Andreas interessiert mich nicht! — fiel Alexander ihr ins Wort und begann rastlos im Zimmer auf und ab zu gehen. — Ich habe mit einer ordentlichen Summe gerechnet. Ich dachte, wir tilgen den Kredit fast komplett und haben vielleicht sogar noch etwas für eine Anzahlung übrig. Stattdessen stehe ich jetzt tief im Minus. Und weißt du, wer das zu verantworten hat? Du. Du wolltest unbedingt dieses Hotel. Du hast auf diesen absurd teuren Pfingstrosen im Oktober bestanden, die so viel kosten wie ein Kleinwagen.
— Wir haben alles gemeinsam ausgesucht. Du hast selbst gesagt, es soll Eindruck machen. Du wolltest, dass deine Freunde staunen.
Ein lautes, bestimmtes Klopfen an der Tür unterbrach sie. Kein vorsichtiges Anklopfen, sondern drei kräftige Schläge, als gehöre der Raum bereits dem Besucher.
— Das ist meine Mutter, — murmelte Alexander, und in seinen Augen blitzte Hoffnung auf, als käme Unterstützung.
Er riss die Tür auf. Mit raschelndem Seidenstoff und einer schweren, süßlichen Parfümwolke trat Katharina Roth ein. Hinter ihr schlurfte Matthias Werner, ihr geschiedener Bruder, lässig eine Zahnstocherspitze im Mundwinkel.
— Nun, mein Junge? — Katharina würdigte ihre Schwiegertochter keines Blickes. Ihr Augenmerk fiel sofort auf das Bett mit den Geldscheinen. — Habt ihr schon nachgerechnet? Ich habe es geahnt.
— Mama, es ist ein Reinfall, — klagte Alexander augenblicklich und sackte in sich zusammen wie ein getadelter Schuljunge. — Gerade mal achtzigtausend. Sie haben uns sitzen lassen. Einfach so.
Katharina stieß die Geldscheine mit spitzen Fingern an, als prüfe sie minderwertige Ware.
— Ich habe dich gewarnt, — zischte sie und fixierte Sophia mit einem kalten, abschätzenden Blick. — Deine Leute sind doch nur gekommen, um sich den Bauch vollzuschlagen. Entschuldige meine Offenheit, ich sage, was ich denke. Wir haben unseren Teil beigetragen. Matthias hat großzügig zehntausend gegeben. Und von deiner Seite?
— Es gab Umschläge. Und Geschenke, — sagte Sophia noch immer in der Hoffnung, die Situation möge sich als böser Traum entpuppen.
— Geschenke? — Matthias ließ sich breitbeinig in einen Sessel fallen und lachte kehlig. — Bettwäsche und ein Kaffeeservice? Damit begleicht man keine Kredite, Liebes. Alexander hat sich verschuldet, und zwar ordentlich. Und du stehst hier und schaust nur.
Sophia wandte sich direkt an ihren Mann. — Alex, bitte sag ihnen, sie sollen uns allein lassen. Das ist unsere Hochzeitsnacht. Unsere Angelegenheit.
Alexander sah erst zu seiner Mutter, dann zu seiner Frau. In seinem Blick lag keine Solidarität, keine Zuneigung — nur verletzter Stolz und gekränkter Ehrgeiz.
— Mama hat recht, — begann er schließlich langsam, und seine Stimme klang nun härter als zuvor. — Du bist einfach… —
