„Könnten wir es diesmal nicht einfach lassen?“ bat Hannah vorsichtig, während Daniels Verwandtschaft die Wohnung überrannte und Sandra die Torte verhöhnte

Aufdringliche Vertrautheit macht jeden Tag unerträglich.
Geschichten

„…“, fuhr Beatrice Koch ungefragt fort und nickte bedeutungsvoll, „dass ihr euch vielleicht endlich an eine Renovierung wagen solltet. Die Tapeten sind völlig ausgeblichen. Und überhaupt – ein junges Ehepaar sollte rechtzeitig an morgen denken.“

Hannah Meier kaute schweigend weiter, bemüht, die Sticheleien zu überhören. Doch als sie das Hauptgericht servierte – ihre besondere Hähnchenpfanne in Rahmsoße –, nahm Beatrice einen Bissen, verzog das Gesicht und legte die Gabel mit einem missbilligenden Seufzer ab.

„Es wundert mich ehrlich gesagt, dass man dich mit solchen Kochkünsten überhaupt geheiratet hat“, sagte sie unverblümt. „Das Fleisch ist fade, und die Soße gleicht eher Wasser. Früher hat man Mädchen wenigstens beigebracht, wie man ordentlich kocht.“

Sandra Engel kicherte schrill. „Ach, Tante Beatrice, nun sei nicht so streng. Dafür ist Hannah wenigstens schlank. Wobei – fast schon zu schlank, findest du nicht? Du siehst richtig blass aus, Hannah. Ein paar Kilo mehr würden dir guttun. Fünf, sechs vielleicht. Man könnte ja meinen, ihr spart am Essen.“

Sebastian Ludwig schob seinen Teller beiseite und räusperte sich. „Übrigens, ich war eben kurz im Bad. In den Fugen zwischen den Fliesen setzt sich Schimmel an. So etwas sollte man im Blick behalten. Das ist unhygienisch. Eine gute Hausfrau übersieht so was nicht.“

In diesem Moment riss in Hannah etwas. Jahrelang hatte sie geschluckt, gelächelt, sich eingeredet, es sei nur Gerede. Jetzt spürte sie, wie sich all das Zurückgehaltene wie eine Flutwelle in ihr aufbäumte. Langsam erhob sie sich vom Tisch. Daniel Huber sah sie irritiert an.

„Hannah? Wohin willst du?“

Sie ließ den Blick über die Runde schweifen – über Sandras spöttisches Lächeln, Sebastians selbstzufriedenes Gesicht, Beatrices herablassende Miene.

„Wisst ihr was“, sagte sie ruhig, doch jede Silbe schnitt durch den Raum, „es reicht.“

Mit festen Schritten ging sie zur Haustür und riss sie auf.

„Ich will euch hier nicht mehr sehen. Ihr seid für mich keine Familie!“, erklärte sie mit bebender, aber entschlossener Stimme. Dieses Fest war der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte – und zum ersten Mal zwang sie sich selbst, ihre Würde zu verteidigen.

Betretenes Schweigen legte sich über das Esszimmer. Schließlich fand Sandra als Erste ihre Sprache wieder.

„Hannah, hast du den Verstand verloren? Wir gehören doch zusammen!“

„Zusammen?“ Hannah lachte auf, doch es klang bitter. „Familie bedeutet Respekt. Ihr kommt seit Jahren in mein Haus, esst, was ich koche, und findet an allem etwas auszusetzen – und haltet das für normal!“

Daniel stand nun ebenfalls auf, sichtbar überfordert. „Beruhige dich doch. Sie meinen es doch nicht böse …“

„Nicht böse?“ Sie wandte sich zu ihm um. In ihren Augen lag eine Mischung aus Erschöpfung und unbeirrbarer Klarheit, die er noch nie zuvor gesehen hatte. „Daniel, wenn du jetzt auch nur ein weiteres Wort zu ihrer Verteidigung sagst, kannst du gleich mitgehen. Das ist mein Zuhause. Und ich lasse mich hier nicht länger demütigen.“

Er öffnete den Mund, doch unter ihrem Blick verstummte er.

Beatrice schnaubte empört. „Wie kannst du es wagen! Wir sind älter, wir wissen mehr! Die Jugend heutzutage kennt keinen Anstand mehr!“

„Raus“, sagte Hannah und blieb unbeweglich in der offenen Tür stehen. „Sofort. Alle.“

Sandra erhob sich schwer atmend von ihrem Stuhl und wandte sich an ihren Bruder. „Daniel, du wirst doch nicht zulassen…“

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