„Er bemüht sich doch für euch beide! Am Wochenende fährt er dich künftig zum Einkaufen“, setzte Sabine noch nach, als wäre damit jedes Argument vom Tisch gewischt.
Julia schwieg einen Moment. Sie sah zwischen Mutter und Sohn hin und her und versuchte, das Gehörte zu begreifen. Ein erwachsener Mann hatte gemeinsam mit seiner Mutter beschlossen, seine kompletten künftigen Einnahmen einer Bank zu überlassen – für ein glänzendes Statussymbol auf vier Rädern. Und die ganz alltäglichen Kosten seines Lebens? Die hatte man stillschweigend ihr zugeschoben. Ohne ein Gespräch. Ohne ihr Einverständnis.
„Julia, könntest du vielleicht etwas zu essen machen?“, durchbrach Alexander die angespannte Stille und rieb sich demonstrativ den Bauch. „Mama und ich sind seit dem Morgen unterwegs. Im Autohaus haben wir ewig Formulare unterschrieben. Und dieser Duft von gebratener Forelle hier macht einen ja wahnsinnig. Lass uns endlich essen.“
Sie nickte langsam. „Geht euch erst die Hände waschen.“
In der Küche öffnete sie ruhig die Schublade unter der Arbeitsplatte. Zwei schlichte Suppenteller stellte sie auf den Tresen. Aus der hintersten Ecke zog sie zwei Päckchen Instantnudeln hervor – Relikte aus dem vergangenen Sommer, gedacht für besonders faule Tage. Sie zerbrach die trockenen Blöcke, legte sie in die Schüsseln und übergoss sie mit kochendem Wasser.
Danach nahm sie ihr schönstes Serviergeschirr aus dem Schrank. Mit Bedacht legte sie ein saftiges Stück der gebackenen Forelle darauf, garnierte es mit frischem Blattsalat und schenkte sich ein weiteres Glas Rotwein ein.
Als Alexander und Sabine zurückkamen, setzte sich Sabine erwartungsvoll und rieb sich die Hände. Doch kaum fiel ihr Blick auf den Tisch, erstarrte sie.
„Was soll das denn sein?“, fragte sie angeekelt und schob die aufgequollenen Nudeln mit spitzen Fingern von sich weg.
Alexander runzelte die Stirn. „Wo ist der Fisch? Julia, ich hab wirklich Hunger. Hör auf mit dem Theater.“
Julia nahm Platz, schnitt ein Stück von der dampfenden Forelle ab und kaute langsam.
„Das ist kein Theater“, sagte sie ruhig. „Das ist euer neuer Finanzplan.“
„Wie bitte?“ Alexander beugte sich vor, die Schultern angespannt.
„Bisher hatten wir zwei Einkommen. Wir konnten reisen, gut essen, Rücklagen bilden. Ab heute geht dein gesamtes Gehalt an die Bank. Mein Einkommen bleibt bei mir.“
„Wir sind doch verheiratet!“, fuhr er auf.
„Das waren wir als Team – bis du hinter meinem Rücken Verträge unterschrieben hast.“ Ihre Stimme blieb kühl. „Ich habe meine Ausgaben durchgerechnet: Hausgeld, Nebenkosten, mein Essen, der Tierarzt für Oskar, Kleidung, Rücklagen fürs Studio. Einen Posten namens ‚Versorgung eines erwachsenen Mannes mit Luxusambitionen‘ finde ich in meinem Budget nicht.“
Sabine sprang so abrupt auf, dass der Stuhl über die Fliesen kratzte. „Wie kannst du so etwas sagen? Er ist dein Ehemann! Natürlich darf er hier wohnen und ordentlich essen!“
„Diese Wohnung habe ich drei Jahre vor unserer Hochzeit gekauft“, entgegnete Julia sachlich. „Alexander ist hier gemeldet, mehr nicht. Und wie sich zeigt, offenbar nicht auf Dauer.“
Sie sah ihn direkt an. Er klammerte sich an die Stuhlkante, als suche er Halt.
„Du hast einen Autokredit abgeschlossen mit einer monatlichen Rate, die dein komplettes Einkommen verschlingt, in der stillen Erwartung, dass ich dich künftig mitfinanziere.“
