Diese Hände hatten früher nicht nur Wischmopps gehalten. Mit ihnen stellte ich Ventilspiele auf ein Hundertstel Millimeter genau ein. Mit ihnen unterschrieb ich einst mein Diplom mit Auszeichnung an der Technischen Hochschule. Damals war ich nicht „der Mann mit dem Eimer“, sondern Ulrich Schulz, leitender Maschinenbauingenieur im Dieselkombinat von Bochum.
Dann kam das Jahr 2003. Das Werk wurde dichtgemacht. Ich war fünfunddreißig. Meine Frau war schwer krank, die Rücklagen schmolzen schneller, als ich rechnen konnte. Die einzige Stelle, die man mir ohne Rückfragen anbot, war die eines Hausmeisters in einer Autowerkstatt. „Nur vorübergehend“, sagte ich mir.
Aus dem Vorübergehend wurden dreiundzwanzig Jahre.
Oskar Schmitt erschien an einem Freitag. Schlechte Laune im Gesicht, ein teurer Kaschmirmantel auf den Schultern, kein Anflug eines Lächelns.
„Sebastian Heinrich, dritte Woche. Ich will endlich mein Auto zurück. Entweder Sie reparieren es – oder ich nehme es mit.“
Sebastian stand mitten in der Halle, die Hände lässig in den Taschen, die Schuhe geschniegelt. Neben ihm Erik Braun, Leon König und Gabriel Vogel. Der Praktikant Elias Meier lugte hinter ihren Rücken hervor.
„Herr Schmitt, wir sind dran. Ein ungewöhnlicher Defekt, altes Modell, Ersatzteile sind schwierig zu beschaffen—“
„Drei Wochen“, schnitt Schmitt ihm das Wort ab. „Ich habe Ihnen drei Wochen gegeben. Wenn der Wagen morgen nicht läuft, hole ich ihn ab und fahre nach Wiesbaden. Dort soll es angeblich noch Fachleute geben.“
Stille senkte sich über die Werkstatt. Die Monteure starrten auf den Betonboden. Sebastian lief rot an. Ich stand abseits und schob mit dem Mopp Metallspäne zusammen, die von der Fräse übrig geblieben waren.
Da fiel Sebastians Blick auf mich. Vielleicht suchte er ein Ventil für seine Nervosität. Vielleicht war es für ihn einfach Gewohnheit, den Schwächsten zur Zielscheibe zu machen.
„Na, Ulrich!“, rief er mit diesem breiten Kundenlächeln. „Willst du es versuchen? He, Opa? Meine Jungs kommen nicht weiter – aber du hörst und siehst doch hier alles!“
Gelächter brandete auf. Erik schnaubte. Leon grinste schief. Selbst Elias kicherte, obwohl er erst seit vier Monaten dabei war.
Sebastian wandte sich theatralisch an Schmitt: „Sehen Sie, Herr Schmitt – unsere letzte Hoffnung! Wenn er’s schafft, gehört Ihnen der Wagen!“
Er lachte laut auf. Erik stimmte ein. Leon hielt sich den Bauch. Nur Schmitt blieb ernst; ihm war nicht nach Späßen.
Ich stand da, den Mopp in der Hand. Späne am Boden. Der schwere Geruch von Diesel in der Luft. Dreiundzwanzig Jahre.
„Einverstanden“, sagte ich.
Leise. Ohne jede Regung.
Das Lachen versiegte zögernd. Zuerst verstummte Erik, weil er am nächsten stand und meine Worte als Erster begriff. Dann Leon. Schließlich hörte auch Sebastian auf zu grinsen und sah mich an, als hätte gerade ein Besen sprechen gelernt.
„Wie bitte?“
„Ich sagte: Abgemacht. Ich repariere ihn – und der Wagen ist meiner. Das haben Sie soeben vor allen erklärt. Vor Herrn Schmitt. Vor Ihren Mechanikern.“
Sebastian klappte den Mund auf, wieder zu. Sein Blick suchte Schmitt. Der hob nur die Schultern.
„Na schön“, presste Sebastian hervor und zwang sich zu einem Lächeln. „Dann leg los, Opa. Überrasche uns.“
Er verschwand in seinem Büro. Hinter der geschlossenen Tür hörte ich ihn gedämpft lachen.
Ich stellte den Mopp in die Ecke und sah hinüber zum Mercedes in Box drei. Beige Lackierung, viel Chrom, Baujahr 1983. Fast so alt wie meine Laufbahn – jene Laufbahn, die geendet hatte, bevor sie richtig begonnen hatte.
Am Samstag blieb die Werkstatt offiziell geschlossen. Ich war trotzdem um sieben Uhr morgens da. Die Schlüssel hatte ich – der Hausmeister kommt vor allen anderen und geht als Letzter.
Der Mercedes stand reglos in seiner Box, kalt wie ein Stein. Ich entriegelte die Haube.
Fünfzylinder-Diesel, OM617. Diesen Motor kannte ich auswendig. In Bochum hatten wir diese Baureihe nach deutschen Unterlagen studiert, die unser Abteilungsleiter einst von einer Reise nach Stuttgart mitgebracht hatte. Anfang der Achtziger war das ein Maßstab für Zuverlässigkeit – und das Wissen darüber war in mir nie verschwunden.
