Ihr Auftritt wirkte nicht wie der einer Begleiterin, sondern wie der einer Siegerin. Das helle Creme ihres Kostüms schimmerte beinahe festlich, völlig deplatziert in diesem nüchternen Saal. Ihre Finger lagen auf Friedrich Gross’ Arm mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel ließ: In ihrer Vorstellung war alles bereits entschieden, noch bevor der Richter den Raum betreten hatte.
Mir zog sich der Magen zusammen. Nicht allein wegen der Schwangerschaft. Es war dieses altbekannte, brennende Gefühl der Demütigung, sie beide so offen nebeneinander zu sehen. Ohne Heimlichkeit. Ohne Scham. Und mit der Gewissheit, dass Friedrich nicht einmal mehr den Anschein machte, mich schonen zu wollen.
Sein Blick streifte mich, kühl und berechnend. Dann erschien dieses schmale Lächeln auf seinem Gesicht – eines, das nie seine Augen erreichte.
„Du bist bedeutungslos“, flüsterte er, als er sich im Schutz eines unbeobachteten Moments zu mir beugte. Seine Stimme war leise, doch scharf wie Glas. „Unterschreib die Unterlagen und verschwinde. Du solltest dankbar sein, dass ich dich überhaupt gehen lasse.“
Mein Hals war wie zugeschnürt. Trotzdem zwang ich mich zu sprechen. Zu lange hatte ich geschwiegen und dafür bezahlt.
„Ich verlange nichts Unangemessenes“, erwiderte ich so ruhig wie möglich, auch wenn meine Stimme zitterte. „Nur das, was mir rechtlich zusteht. Unterhalt für das Kind. Mein Anteil am Haus. Ein Mindestmaß an Sicherheit. Für unser Baby.“
Clara stieß ein kurzes, spöttisches Lachen aus. Einige Anwesende drehten sich irritiert um. Heiterkeit lag darin keine, nur blanke Verachtung.
„Was dir zusteht?“ Sie musterte mich von oben bis unten. „Du hast ihn mit dieser Schwangerschaft in die Enge getrieben. Sei froh, dass er dich nicht völlig fallen lässt.“
Mir wurde heiß, dann schwindelig. „Sprich nicht so über mein Kind“, brachte ich hervor.
Ihr Gesicht verhärtete sich. Ohne Vorwarnung trat sie einen Schritt näher in meinen persönlichen Raum – und im nächsten Augenblick traf mich ihre Hand mit solcher Wucht, dass mein Kopf zur Seite riss. Das Geräusch hallte unnatürlich laut durch den Saal. Metallischer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus, während sich der Schmerz wie Feuer über meine Wange zog.
Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte alles.
Dann brach ein aufgeregtes Murmeln los, erst vereinzelt, dann wie ein aufloderndes Feuer.
Friedrich machte keine Anstalten, einzugreifen. Kein Schock, keine Empörung. Im Gegenteil – seine Lippen verzogen sich zu einem kaum wahrnehmbaren Grinsen, als verfolge er eine belanglose Szene.
„Vielleicht hörst du jetzt endlich“, murmelte er.
Ich stand da, zitternd. Meine Hand glitt instinktiv auf meinen Bauch. Die Konturen des Raumes verschwammen, Tränen brannten hinter meinen Lidern. Verzweifelt suchte ich nach Autorität, nach jemandem, der einschreiten würde. Doch der Gerichtsdiener verharrte unschlüssig an der Tür, mein Anwalt war nicht zu sehen, und der Richterstuhl blieb noch leer.
Clara beugte sich erneut zu mir herüber; ihr Parfüm lag schwer in der Luft. „Wein ruhig“, zischte sie. „Vielleicht bekommst du ja Mitleid.“
Da hob ich den Blick zum Richtertisch. In mir formten sich Worte, die ich jahrelang hinuntergeschluckt hatte. Ich war bereit, Schutz zu beantragen. Bereit, laut auszusprechen, dass der Mann, den ich geheiratet hatte, eine Gefahr darstellte.
Und in diesem Moment öffnete sich die Seitentür des Saals.
