„Du hättest wenigstens mit mir reden können“, sagte sie leise, verletzt, als er beiläufig ankündigte, seine Eltern einen Monat bei ihnen aufzunehmen

Seine rücksichtslosen Entscheidungen zerstören mein stilles Zuhause.
Geschichten

„Mama, Papa, Maximilian Mayer und Mila Sommer kommen am Samstag. Sie bleiben einen Monat bei uns.“

Sebastian Ludwig sagte das beiläufig, als würde er erwähnen, dass es am Wochenende regnen soll. Er stand vor dem Kühlschrank, trank direkt aus der Kefirpackung und scrollte mit dem Daumen über sein Handy.

Ich hielt noch einen Teller in der Hand. Ganz langsam stellte ich ihn auf den Tisch, damit nichts klirrte.

„Einen Monat?“, wiederholte ich.

„Ja, klar. Vater hat Urlaub, und Mama wollte schon lange mal wieder. Maximilian bringt Mila mit. Dann sind wir alle zusammen.“ Er lächelte in sein Display hinein. „Ist doch schön.“

Schön. In sieben Ehejahren war seine Familie bereits viermal bei uns abgestiegen. Jedes Mal länger als eine Woche. Jedes Mal praktisch ohne Ankündigung. Drei Tage Vorlauf galten offenbar als ausreichende Vorbereitung.

Ich arbeite als Buchhalterin im Homeoffice. Mein „Büro“ misst acht Quadratmeter, liegt direkt neben dem Schlafzimmer und ist exakt durchgeplant: Schreibtisch, Rechner, Ordnerregal – alles auf den Zentimeter abgestimmt. Unsere Wohnung hat zwei Zimmer. Kein Palast.

„Sebastian“, begann ich möglichst ruhig, „wir sind zwei Personen. Und die Wohnung hat zwei Räume. Wo genau sollen vier weitere Erwachsene schlafen?“

Er sah endlich vom Handy auf.

„Mama und Papa nehmen das Sofa im Wohnzimmer. Maximilian und Mila können in dein Arbeitszimmer. Wir kaufen eine Luftmatratze.“

„Und ich? Wo arbeite ich dann?“

Er zuckte mit den Schultern. „Am Küchentisch. Oder im Schlafzimmer. Du hast doch einen Laptop.“

Ich sah ihn nur an. Kein „Was meinst du?“, kein „Ist das für dich in Ordnung?“. Er hatte entschieden – und mich informiert. Als gehörte die Wohnung allein ihm und ich wäre nur ein Zubehör.

„Du hättest wenigstens mit mir reden können“, sagte ich leise.

„Was gibt’s da zu reden? Das sind meine Eltern. Keine Fremden.“

Mag sein. Aber eben auch nicht meine.

Ich atmete tief durch.

„Gut“, sagte ich schließlich. „Unter einer Bedingung: Du kochst. Du putzt. Es sind deine Gäste, also kümmerst du dich.“

Sebastian lachte, als hätte ich einen Witz gemacht.

„Johanna, jetzt übertreib nicht. Mama kocht doch gern.“

Ich erwiderte nichts.

Seit sechs Monaten legte ich Geld zurück. Jeden Monat sieben- bis achttausend Euro aus zusätzlichen Freelance-Aufträgen, die ich mir abends und nachts auflud. Ich prüfte fremde Bilanzen, während andere schliefen, nur um mir etwas Eigenes zu schaffen: Urlaub am Meer, Ruhe, Abstand. Achtundvierzigtausend Euro lagen inzwischen auf einem separaten Konto.

Mein geheimer Ausweg. Damals ahnte ich noch nicht, wie bald ich ihn brauchen würde.

Am Samstag kamen sie – alle vier. Drei Koffer, zwei Reisetaschen und Plastiktüten aus dem Supermarkt mit drei Gläsern Gewürzgurken und einer Packung Buchweizen. Offenbar das Gastgeschenk.

Helena Braun betrat als Erste die Wohnung. Eine stattliche Frau, an jeder Hand mehrere Ringe, mit einer Stimme, bei der selbst die Nachbarskatzen zusammenzuckten. Ihr Blick glitt prüfend durch den Flur, als nähme sie eine Baustelle ab.

„Ganz schön eng hier“, war ihr erster Kommentar. „Und die Tapeten… darüber habe ich beim letzten Mal schon gesprochen.“

„Guten Tag“, sagte ich.

Markus Hermann, mein Schwiegervater, nickte kaum merklich und steuerte direkt auf den Fernseher zu. Maximilian schob sich seitlich durch die Tür. Hinter ihm Mila, schmal, still, mit gesenktem Blick.

Sebastian wirbelte umher, schleppte Gepäck, rückte Möbel, pumpte die Luftmatratze auf. Das Ding füllte fast die Hälfte meines Arbeitszimmers. Mein Schreibtisch wurde an die Wand gedrängt, sodass nicht einmal mehr der Stuhl richtig davorpasste.

„Hier arbeite ich“, erinnerte ich ihn in der Küche.

„Dann eben vorübergehend am Küchentisch. Es ist doch nur ein Monat.“

Nur ein Monat. Zweihundertvierzig Arbeitsstunden zwischen Herd und Kaffeemaschine, begleitet von Helenas Kommentaren.

Am ersten Tag stand ich drei Stunden am Herd. Helena kochte nicht – sie dirigierte. Sie setzte sich auf einen Hocker, verschränkte die Arme und begann:

„Die Zwiebeln feiner schneiden. So grob ist das kein Borschtsch, das ist Tierfutter.“

„Karotten reibt man, man würfelt sie nicht. Wer macht denn so was?“

„Und das Öl ist das falsche. Unraffiniertes brauchst du. Sebastian, schreib das auf, deine Frau soll es besorgen.“

Ich briet, schnitt, rührte. Die Rote Bete buk ich wie immer im Ofen, damit die Farbe kräftig bleibt. Helena beugte sich über den Topf, schnupperte und verzog das Gesicht.

„Borschtsch muss dunkel sein. Das hier ist rosa Wasser.“

Ich schwieg. Im Wohnzimmer lief Fußball. Sebastian saß mit seinem Vater vor dem Bildschirm. Die Vereinbarung „du kochst“ war nach nicht einmal zwölf Stunden vergessen.

Maximilian aß für drei. Ein Teller Suppe, ein zweiter, dazu fast ein halbes Brot. Mila stocherte lustlos in ihrer Portion. Helena kommentierte jeden Löffel.

„Zu salzig“, stellte sie fest.

Markus Hermann nahm sich wortlos Nachschlag. Ich beschloss, das als Kompliment zu werten.

Am Abend spülte ich Geschirr für sechs Personen: zweiundzwanzig Teile – Teller, Tassen, Töpfe, Pfanne. Sebastian schaute eine Serie. Maximilian schnarchte auf meiner Luftmatratze, direkt neben meinem Schreibtisch.

Ich setzte mich im Schlafzimmer aufs Bett, klappte den Laptop auf. Ein dringender Bericht musste bis Montag fertig sein. Das Licht spiegelte sich auf dem Bildschirm, der Tisch war zu niedrig, also legte ich mir ein Kissen unter die Ellbogen.

Durch die Wand hörte ich Helena.

„Deine Frau könnte auch mal lächeln“, sagte sie.

„Sie ist nur müde, Mama“, antwortete Sebastian leise.

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