– Hannah Baumann, nimm lieber nicht diesen Teller. Da ist Salat mit Mayonnaise drauf. Das ist doch nichts für dich, – bemerkte Alexander Schubert beiläufig, ohne den Blick von seinem Grillgut zu heben. Dann lachte er über seinen eigenen Kommentar.
Zwölf Gäste saßen an diesem Abend an unserem langen Tisch auf der Sommerterrasse hinter dem Haus. Das Fleisch brutzelte noch, ich hatte seit dem Morgen in der Küche gestanden. Die Marinade? Ein Rezept, das ich über drei Jahre hinweg perfektioniert hatte. Und der Salat, über den er gerade witzelte, stammte selbstverständlich ebenfalls von mir.
Seit sieben Jahren ging das so.
Schon bei unserer ersten Begegnung, als Michael Köhler ihn mir vorstellte, musterte Alexander mich von oben bis unten, pfiff leise durch die Zähne und sagte grinsend: „Na, Micha, du stehst also auf kurvige Frauen.“ Ich lächelte damals unsicher. Dachte, es sei eben ein derber Einstieg. Ein schlechter Scherz.
Es war kein Ausrutscher.

Michael und ich heirateten vor acht Jahren. Ich war vierzig, er achtunddreißig. Für uns beide war es die zweite Ehe. Er arbeitete als Ingenieur in einem Planungsbüro, und ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits meine zweite Filiale von „Süßes Handwerk“ eröffnet – meine eigene kleine Konditoreikette. Alles selbst aufgebaut. Keine Kredite, kein familiäres Startkapital. Drei Jahre lang floss jeder verdiente Euro zurück ins Geschäft. Als wir heirateten, waren es zwei Läden. Heute sind es fünf.
Alexander kannte Michael seit der ersten Klasse. Sie waren zusammen aufgewachsen, gemeinsam beim Bund gewesen, und jeden Oktober fuhren sie miteinander angeln. Für meinen Mann war er mehr als ein Freund – beinahe Familie. Ich verstand das. Und ich schwieg.
Alexander leitete eine Werbeagentur namens „Brise Media“. Markenauftritte, Verpackungsdesign, Social-Media-Kampagnen – darin waren sie durchaus gut. Was er allerdings nie erfuhr: Vor sechs Jahren brauchte ich eine Agentur für das komplette Rebranding meiner Konditoreien – neues Corporate Design, Verpackungen, Speisekarten, Außenbeschriftung. Meine Managerin Emilia Meier legte mir drei Angebote vor. „Brise Media“ war darunter – mit dem besten Preis und realistischen Fristen. Also unterschrieb ich. Vertragspartner war meine Firma „Konditor Plus GmbH“, Ansprechpartnerin blieb Emilia. Sechs Jahre lang arbeitete Alexander für mein Unternehmen, ohne zu ahnen, dass das Budget von der Ehefrau seines besten Freundes kam.
Vier Millionen achthunderttausend Euro jährlich. So hoch war mein Etat für seine Agentur. Gestaltung der Karten, saisonale Aktionen, neue Filialeröffnungen, Social-Media-Betreuung. Monat für Monat überwiesen wir vierhunderttausend Euro – pünktlich.
Michael wusste davon. Ich hatte ihn gebeten, es für sich zu behalten. Freundschaft und Geschäft sollten sich nicht vermischen. Er respektierte das.
Alexander hingegen machte weiter seine Witze.
An jenem Abend stellte ich die letzte Platte – Ofengemüse – auf den Tisch und setzte mich neben meinen Mann. Alexander schenkte gerade Wein nach. Lena Walter, seine Frau, saß uns gegenüber und starrte wie so oft auf ihren Teller. Immer wenn er anfing, wurde sie still.
– Hannah, bis zum Sommer könntest du doch ein bisschen abspecken, – meinte Alexander und reichte mir demonstrativ das Glas. – Oder trägst du am Strand wieder nur Pareo?
Stille. Ein Räuspern hier, ein gesenkter Blick dort. Michaels Hand legte sich beruhigend auf mein Knie. Dieses vertraute Zeichen: „Lass es gut sein. Er meint es nicht so.“
Ich hob mein Glas, sah Alexander direkt an.
– Weißt du eigentlich, dass eure Agentur den Kredit für euer Büro noch nicht vollständig getilgt hat? – fragte ich ruhig.
Ich wusste es von Emilia. Lieferverzögerungen waren einmal mit Mietproblemen begründet worden.
Sein Lächeln gefror für einen winzigen Moment.
– Woher willst du das wissen? – Er drehte das Glas zwischen den Fingern. – Hat Micha geplaudert? Na toll.
Michael sagte nichts.
Ich trank einen Schluck. Alexander wechselte das Thema – Fußball, Urlaubspläne, sein neues Auto. Das übliche Repertoire. Und ich beschloss, es dabei zu belassen. Wie so oft.
Später, als die Gäste gegangen waren, stand ich allein in der Küche und spülte Teller. Michael trat hinter mich, schlang die Arme um meine Taille.
– Nimm es ihm nicht übel. So ist er eben.
– Genau das ist ja das Problem, – antwortete ich leise. – „So ist er“ ist keine Entschuldigung.
Er küsste mich in den Nacken und ging schlafen. Ich blieb am Spülbecken stehen. Das heiße Wasser lief über meine Hände, doch ich spürte keine Wärme. Nur Müdigkeit. Sieben Jahre dieselben Spitzen. Dieselben beschwichtigenden Worte. Dasselbe betretene Schweigen am Tisch.
Einen Monat später rief Alexander an. Einladung zu seinem zweiundvierzigsten Geburtstag.
Ich backte einen Kuchen. Vielleicht war das töricht. Aber ich bin Konditorin. Drei Etagen, überzogen mit dunkler Schokolade, verziert mit Karamellornamenten. Sechs Stunden Arbeit. Biskuit, Creme, Dekor – alles einzeln vorbereitet. Fast vier Kilo schwer.
Michael trug die Schachtel vorsichtig zum Auto, als hielte er ein Neugeborenes.
– Der ist fantastisch, – sagte er lächelnd. – Alexander wird staunen.
Er staunte tatsächlich. Nur anders, als wir erwartet hatten.
Zwanzig Gäste. Ein Restaurant, das Alexander für den Abend gemietet hatte.
