Alexander hasste Auseinandersetzungen – deshalb schwieg er lieber, als weiter zu diskutieren.
Der Kauf selbst war schnell abgewickelt. Keine zwei Wochen später hielt Katharina Möller den Schlüssel zu ihrer eigenen Wohnung in den Händen. Mit leuchtenden Augen drehte sie sich in den noch kahlen Räumen im Kreis, stellte sich vor, wo das Sofa stehen könnte, überlegte, welche Fliesen ins Bad passen würden und an welcher Wand ein großer Spiegel am besten wirken würde. Alexander beobachtete sie lächelnd, während er mit dem Maßband die Wände ausmaß und ihre Ideen kommentierte.
„Wir sollten meine Eltern noch einmal anrufen und uns bedanken“, meinte Katharina schließlich und setzte sich auf das breite Fensterbrett. „Ohne ihre Unterstützung hätten wir vermutlich noch ein Jahrzehnt sparen müssen.“
„Stimmt“, sagte Alexander und zog sein Handy aus der Tasche. „Und ich erzähle es auch meiner Mutter.“
Katharina hob sofort den Kopf. „Muss das sein?“
„Natürlich. Sie ist meine Mutter. Ich möchte, dass sie sich mit uns freut.“
Ein Einwand lag ihr bereits auf der Zunge, doch sie schluckte ihn hinunter. Zu spät – er hatte schon gewählt.
„Hallo, Mama! Wir haben Neuigkeiten… Ja, wir haben eine Wohnung gekauft. Drei Zimmer, mitten in der Stadt, etwa achtzig Quadratmeter… Neubau, ja… Sie läuft auf Katharinas Namen, ihre Eltern haben den Großteil bezahlt… Nein, ich verstehe… Es hat sich eben so ergeben…“
Während er sprach, breitete sich in Katharina ein ungutes Gefühl aus. Andrea Lehmann war keine einfache Schwiegermutter. Sie mischte sich ständig ein, verteilte ungefragt Ratschläge und war fest davon überzeugt, dass ihr Sohn ihr alles schuldig sei. Katharina hatte stets versucht, höfliche Distanz zu wahren – doch das gelang nicht immer.
Alexander beendete das Gespräch und sah sie an. „Sie möchte die Wohnung sehen. Ich habe sie für nächste Woche eingeladen.“
„Wie schön“, erwiderte Katharina trocken, ohne jede Begeisterung.
Die Tage vergingen wie im Flug. Möbel wurden bestellt, ein Handwerkerteam für kleinere Renovierungsarbeiten engagiert. Ein nagelneuer Kühlschrank stand bereits in der Küche, daneben ein schlichter Tisch mit zwei Stühlen. Am Freitagabend erinnerte Alexander seine Frau daran, dass seine Mutter am nächsten Tag kommen würde.
„Versuch bitte, freundlich zu bleiben“, bat er vorsichtig. „Ich weiß, ihr habt es nicht leicht miteinander. Aber sie ist eben meine Mutter.“
„Ich bin immer freundlich“, entgegnete Katharina knapp.
Am Samstagmorgen klingelte es. Katharina öffnete – und erstarrte. Vor der Tür stand Andrea Lehmann, in jeder Hand eine überdimensionale Reisetasche, eine dritte stand zu ihren Füßen.
„Guten Tag, Katharina“, sagte sie mit einem gezwungenen Lächeln. „Sei so lieb und hilf mir mit dem Gepäck.“
Wie automatisch griff Katharina nach einer der Taschen und trat zur Seite. Andrea betrat die Wohnung, ließ den Blick prüfend durch die Räume wandern.
„Hm. Ganz ordentlich. Wobei ich persönlich manches anders geplant hätte. Aber nun gut.“
Alexander kam aus dem Bad, die Hände noch feucht, ein Handtuch über der Schulter. „Hallo, Mama! Wie war die Fahrt?“
„Unproblematisch, mein Junge. Ich habe ein paar Sachen mitgebracht.“
Katharina stellte die Tasche ab. „Was für Sachen?“
Andrea richtete sich auf, verschränkte die Arme und fixierte ihre Schwiegertochter.
„Alexander hat erzählt, dass ihr eine Dreizimmerwohnung im Zentrum gekauft habt. Achtzig Quadratmeter. Sehr schön.“ Sie machte eine kurze Pause. „In dieser Wohnung werde ich wohnen.“
Katharina blinzelte ungläubig. „Wie bitte?“
„Ich ziehe hier ein“, erklärte Andrea sachlich. „Paul heiratet in sechs Monaten. Meine jetzige Wohnung bekommt er mit seiner Verlobten. Und ich brauche selbstverständlich eine neue Bleibe. Diese hier ist ideal – zentral gelegen, großzügig geschnitten. Genau das Richtige für mich.“
Katharina spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Für einen Moment rang sie nach Worten, während Andrea bereits selbstzufrieden durch das Wohnzimmer schritt, als gehöre es ihr längst.
