„Ach, Sabine Ludwig hat Bluthochdruck – und ich betreibe hier wohl eine Gelddruckerei auf dem Nachttisch?“ sagte Sophie, stellte das Bügeleisen ab, während etwas in ihr endgültig zerbrach

Diese schamlose Ungerechtigkeit ist unerträglich und verräterisch.
Geschichten

„Eine Eigentumswohnung besitzen Sie doch ebenfalls“, fügte Sophie Braun hinzu, während sie an Sabine Ludwig vorbeiging. „Mit Hypothek, wenn ich mich nicht irre. Läuft die Rückzahlung reibungslos?“

Reibungslos lief dort schon lange nichts mehr. Markus Hartmann hatte weiterhin keinen festen Arbeitsplatz gefunden. Seine Schwester Clara Huber lehnte jede finanzielle Unterstützung ab mit der knappen Begründung: „Ich habe selbst Kinder zu versorgen – und außerdem ist das eure Angelegenheit.“ Seit drei Monaten verbuchte die Bank Verzugszinsen, Mahnungen flatterten ins Haus, und schließlich drohte man mit Kündigung des Kreditvertrags und der Zwangsversteigerung der Wohnung.

Die Scheidung zwischen Sophie und Markus wurde ohne großes Aufheben ausgesprochen. Es gab keine Kinder, kein gemeinsames Vermögen – abgesehen von den Schulden, die Markus angehäuft hatte. Die Aufteilung war entsprechend nüchtern.

Ein Jahr später schlenderte Sophie durch ein festlich dekoriertes Einkaufszentrum. Sie suchte nach Weihnachtsgeschenken, ließ sich Zeit, betrachtete Auslagen. Sie wirkte verändert: ein moderner Haarschnitt, aufrechter Gang, ein ruhiger, selbstsicherer Blick. Vor einem Geschäft mit Kaffeevollautomaten blieb sie stehen und überlegte, ob sie sich selbst eine Freude machen sollte.

„Sophie?“

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Markus. Er sah abgekämpft aus, älter als noch vor zwölf Monaten. Er trug denselben Mantel wie damals – inzwischen speckig und an den Nähten ausgefranst.

„Hallo, Markus.“

„Du… du siehst großartig aus.“

„Danke. Ich fühle mich auch so. Und wie geht es dir? Wie geht es deiner Mutter?“

Sein Gesicht verzog sich, als hätte er Schmerzen.

„Die Bank hat die Wohnung eingezogen. Versteigert. Für einen Spottpreis. Es hat gerade gereicht, um die Hauptschuld zu tilgen. Die Zinsen und Vertragsstrafen laufen weiter – auf meine Mutter. Die Hälfte ihrer Rente wird gepfändet. Und den Betrag, den das Gericht dir zugesprochen hat… den zahlt sie ebenfalls ab. In kleinen Raten.“

„Das tut mir leid“, erwiderte Sophie höflich, doch ihre Stimme blieb kühl.

„Wir wohnen jetzt alle zusammen in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung. Meine Mutter, ich… und Clara ist mit ihren Kindern auch noch eingezogen. Sie hat sich getrennt. Es ist eng, laut, unerträglich. Meine Mutter nörgelt ununterbrochen. Und sie redet von dir. Sagt, wie gut wir es mit dir hatten.“

Sophie musste lachen.

„Ach ja? Und was ist aus ‚Schmarotzerin‘ und ‚Ich verfluche dich‘ geworden?“

Er zuckte die Schultern. „Das war schnell vergessen. Sophie…“ Er trat näher, suchte ihren Blick. „Hast du Lust auf einen Kaffee? Ich habe mich geändert. Ich fahre jetzt Taxi. Das Auto ist gemietet, aber immerhin. Ich bemühe mich wirklich. Du fehlst mir. Ich war dumm, das sehe ich ein. Vielleicht… könnten wir neu anfangen? Eine kleine Wohnung nur für uns. Ohne Mütter, ohne Geschwister.“

Sie betrachtete ihn lange – und spürte nichts. Kein Groll, keine Traurigkeit, nicht einmal Mitleid. Vor ihr stand lediglich ein fremder Mann, der nach billigem Rauch und ungelösten Problemen roch.

„Nein, Markus. Man kann nicht neu beginnen, wenn man innerlich längst abgeschlossen hat. Für mich ist diese Geschichte vorbei.“

„Aber wir haben uns doch geliebt!“

„Ich habe dich geliebt. Du hast in mir vor allem Bequemlichkeit gesehen – jemanden, der deine Schwierigkeiten regelt. Weißt du, ich habe kürzlich selbst einen Kredit aufgenommen. Für meine eigene Wohnung. Auf meinen Namen. Ich renoviere sie gerade – und niemand wird mir je wieder sagen, es sei nicht mein Zuhause. Niemand wird dort ungefragt einziehen. Diese Unabhängigkeit ist unbezahlbar.“

„Du bist hart geworden“, murmelte er.

„Nein. Ich bin erwachsen geworden. Leb wohl, Markus. Und grüß deine Mutter von mir. Sag ihr danke. Wäre sie damals nicht so gierig gewesen, würde ich vielleicht noch immer ihre Träume finanzieren – und mein eigenes Leben dafür opfern. In gewisser Weise hat sie mich befreit.“

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, wandte Sophie sich ab. Ihre Absätze klangen hell auf dem glänzenden Boden. Die Kaffeemaschine kaufte sie nicht. Stattdessen beschloss sie, das Geld für eine Reise zurückzulegen. In diesem Jahr wollte sie ans Meer fliegen – zum ersten Mal seit fünf Jahren. Allein. Frei. Und mit einem Lächeln.

Markus blieb lange stehen und sah ihr nach. In seiner Manteltasche zerdrückte er eine Packung billiger Zigaretten. Ihm wurde schmerzhaft bewusst, wie töricht er und seine Mutter gehandelt hatten – sie hatten die Gans geschlachtet, die ihnen goldene Eier gelegt hatte, nur um eine Suppe daraus zu kochen.

Zu Hause warteten Streit über ungewaschenes Geschirr, weinende Kinder und Sabine Ludwig, die inzwischen beinahe jeden Abend vor einem alten Foto ihrer ehemaligen Schwiegertochter saß, das sie zufällig in einem Album gefunden hatte, und leise klagte.

Doch die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen. Das Leben stellte seine Rechnungen – und irgendwann musste jeder sie begleichen.

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