„Von dir habe ich ohnehin nie auch nur einen Cent gesehen“, erwiderte Sophie Braun mit einem schmalen, bitteren Lächeln. „Alles ist in Ihr Betonprojekt geflossen. Leben Sie wohl.“
Noch bevor eine weitere Beschimpfung folgen konnte, blockierte sie die Nummer.
Die darauffolgenden vierzehn Tage fühlten sich an wie eine schlecht geschnittene Filmszene. Markus Hartmann tauchte plötzlich mit ständig wechselnden Telefonnummern auf, lauerte ihr nach Feierabend vor dem Büro auf. Mal drohte er mit einer Klage – wobei unklar blieb, auf welcher Grundlage –, mal stand er mit einem Strauß Rosen da, warf sich beinahe vor ihr auf den Gehweg und beteuerte unter Tränen seine Reue.
„Sophie, bitte verzeih mir! Mutter hat alles übertrieben! Ich rede mit ihr, sie überschreibt ihren Anteil auf mich!“, winselte er und klammerte sich am Tor des Firmengebäudes an ihren Mantelärmel.
„Auf dich?“ Ihr Blick ruhte mitleidig auf ihm. „Und was ändert das? Heute läuft es auf deinen Namen, morgen schenkst du es Clara Huber. Oder wieder deiner Mutter. Du bist und bleibst Mamas braver Junge, Markus. Ohne ihre Zustimmung traust du dich doch nicht einmal zu atmen. Wusstest du von Claras Plan?“
Er wich ihrem Blick aus. Mehr musste sie nicht hören.
„Also doch“, stellte sie ruhig fest. „Du hast es gewusst – und geschwiegen. Während ich zwei Jobs hatte, Überstunden schob, jeden Euro dreimal umdrehte, war dir klar, dass man mich schlicht ausnutzte.“
„Aber Clara ist allein mit den Kindern… Es ist schwer für sie… Wir sind doch stark, wir können später noch einmal neu anfangen“, stammelte er hilflos.
„Dann fangt an“, sagte Sophie kühl. „Ihr seid doch so stark.“
Sie mietete sich ein kleines Apartment am Stadtrand. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass ein Leben allein nur einen Bruchteil dessen kostete, was sie zuvor mit einem „arbeitssuchenden“ Ehemann und einer Hypothek getragen hatte. Sie gönnte sich die längst fällige Metallkeramikkrone beim Zahnarzt, kaufte einen hochwertigen Mantel und meldete sich zu einem Englischkurs an, den sie seit Jahren vor sich hergeschoben hatte.
Doch damit war die Geschichte der Wohnung nicht beendet.
Vier Wochen später lag eine gerichtliche Vorladung im Briefkasten. Sabine Ludwig hatte alles auf eine Karte gesetzt und Klage wegen „ungerechtfertigter Bereicherung“ eingereicht. Sie verlangte Ersatz für vier Jahre Wohnnutzung. Es habe keinen Mietvertrag gegeben, argumentierte sie, die Schwiegertochter habe kostenlos gelebt und sämtliche Vorteile genossen.
Sophie suchte einen Anwalt auf – einen älteren Herrn mit wachen Augen hinter randloser Brille. Als er die Klageschrift durchlas, schüttelte er amüsiert den Kopf und lachte leise.
„Dann rechnen wir einmal nach“, sagte er schließlich. „Sie haben sämtliche Überweisungsbelege?“
„Selbstverständlich. Ich bin Buchhalterin – ich hebe alles auf. Zahlungen an Markus mit dem Vermerk ‚Hypothek‘, direkte Überweisungen an Sabine Ludwig, wenn er wieder einmal nicht zahlen konnte. Rechnungen für Baumaterialien, Vertrag mit der Renovierungsfirma – alles auf meinen Namen.“
„Ausgezeichnet. Wir stellen Widerklage. Zwar stehen die Eigentumsrechte offiziell Ihrer Schwiegermutter zu, dennoch beantragen wir die Feststellung, dass Sie faktisch die Darlehenslast getragen haben, und verlangen die Anerkennung eines Anteils. Die Erfolgsaussichten sind begrenzt – der formelle Eigentümer bleibt der Eigentümer –, doch es wird unbequem für die Gegenseite. Zudem können wir nachweisen, dass es sich um ein familiäres Verhältnis mit stillschweigender Vereinbarung zur unentgeltlichen Nutzung handelte. Und Ihre Investitionen in Renovierung und Kreditraten übersteigen jede marktübliche Miete um ein Mehrfaches.“
Der Prozess zog sich über ein halbes Jahr hin – unerquicklich, unerquicklich und unerquicklich. Sabine Ludwig inszenierte im Gerichtssaal einen dramatischen Schwächeanfall. Markus saß mit gesenktem Kopf da und murmelte ausweichende Antworten, wenn der Richter ihn direkt ansprach.
Im Verlauf der Verhandlungen kam Erstaunliches ans Licht. Markus hatte nicht nur keiner geregelten Arbeit nachgegangen, sondern heimlich Kleinkredite aufgenommen – für seine „persönlichen Bedürfnisse“, wie er es nannte. Inkassoschreiben flatterten inzwischen nicht nur an seine Mutter, sondern auch an Sophie, obwohl die Scheidung bereits lief.
Schließlich wurde die Klage von Sabine Ludwig abgewiesen. Auch Sophies Antrag auf Anerkennung eines Eigentumsanteils fand – wie vom Anwalt vorausgesagt – keine Zustimmung. Doch das Gericht verpflichtete Sabine Ludwig, die Renovierungskosten zu erstatten – ebenfalls unter dem Titel der ungerechtfertigten Bereicherung. Die Summe war beträchtlich: nahezu eineinhalb Millionen Rubel, belegt durch sämtliche Rechnungen für die maßgefertigte Küche, Sanitäranlagen und Möbel, die man ihr nie herausgegeben hatte.
„Ich habe doch nicht so viel Geld!“, kreischte Sabine Ludwig nach der Urteilsverkündung. „Ich bin Rentnerin!“
Sophie legte den Kopf leicht schief und fragte mit beinahe sanfter Stimme: „Und was ist mit dem Pelzmantel?“
