„Elisabeth Braun, ich muss Sie bitten, den Raum zu verlassen“, sagte der Notar kühl, klappte die Akte zu und sah sie so bestimmt an, als stünde sie bereits im Flur. „Das Testament von Maximilian Schmitt darf ausschließlich im Beisein seiner Ehefrau eröffnet werden.“
Die Schwiegermutter erstarrte, der Mund halb geöffnet. Ihre Tochter Lena Walter machte einen Schritt nach vorn, doch da brauste Elisabeth schon auf.
„Wie bitte? Ich bin seine Mutter! Natürlich habe ich ein Recht zu erfahren, was mein Sohn hinterlassen hat!“
„Nein, das haben Sie nicht“, entgegnete der Notar sachlich, drehte das Dokument wieder zu sich und deutete auf die Tür. „Ich wiederhole: Bitte verlassen Sie jetzt das Büro.“
Anna Hermann saß reglos auf dem Stuhl, die Hände ineinander verschränkt. Ihr Blick ruhte auf dem Fenster, hinter dem ein trüber Apriltag hing. Vor sechs Monaten war Maximilian mitten in der Backstube zusammengebrochen – zwischen dem Duft von Hefegebäck und Vanille. Eine Lungenembolie, hatten die Ärzte gesagt. Es sei sofort gegangen. Anna hatte bis heute nicht begriffen, dass es endgültig war. Und doch hatte man sie bereits hierhergezerrt, weil Schwiegermutter und Schwägerin keine Geduld besaßen.

Mit einem heftigen Knall fiel die Tür ins Schloss, als Elisabeth den Raum verließ.
Der Notar öffnete den Umschlag.
„Victoria Meyer. Sagt Ihnen dieser Name etwas?“
Anna schwieg. Der Name klingelte nicht in ihrem Gedächtnis. Der Notar musterte sie prüfend.
„Nein.“
„Ihr Mann hat vor einem Jahr sein Testament geändert. Achtzig Prozent seines Unternehmens sowie sämtliche Ersparnisse gehen an Victoria Meyer. Außerdem werden zwei Minderjährige bedacht – Ben Hartmann und Mia Krüger. Ihnen bleiben die gemeinsame Wohnung und das Wochenendgrundstück. Für Ihre Schwiegermutter und Frau Walter sind lediglich einige alte Aktien vorgesehen, die praktisch keinen Ertrag mehr bringen.“
Die Worte schwebten im Raum, doch ihr Sinn wollte sich nicht setzen. Victoria. Zwei Kinder. Anna versuchte, die Puzzleteile zu ordnen. Maximilian war nie auffällig gewesen. Keine späten Heimkehrten, kein verheimlichtes Handy, keine ausweichenden Blicke.
„Geben Sie mir bitte die Adresse“, sagte sie schließlich leise.
Der Notar reichte ihr einen Zettel. Ein Haus im privaten Sektor außerhalb der Stadt. Anna faltete das Papier sorgfältig und steckte es in die Manteltasche.
Kaum trat sie ins Freie, stürzten sich Elisabeth und Lena auf sie wie Raubvögel.
„Und? Was steht drin? Wieviel bekommen wir?“
Anna ging wortlos an ihnen vorbei. Lena packte sie am Arm und zwang sie, stehen zu bleiben.
„Bist du taub? Rede!“
„Es ist kaum etwas“, antwortete Anna ruhig und sah ihr direkt ins Gesicht. „Für euch ist fast nichts vorgesehen.“
Am nächsten Tag tauchten sie in ihrer Wohnung auf. Elisabeth hatte sich auf dem Sofa niedergelassen wie eine Richterin vor der Urteilsverkündung. Neben ihr Lena. Am Tisch saß ein Mann in zerknitterter Jacke, der sich als Rechtsanwalt vorstellte.
„Wir werden das Testament anfechten“, erklärte Elisabeth ohne Umschweife. „Maximilian war nicht er selbst. Man hat ihn manipuliert. Irgendeine Frau hat ihn um den Finger gewickelt und sich sein Geld gesichert – und wir sollen das einfach hinnehmen?“
Anna stand am Fenster, den Rücken zur Runde gekehrt.
„Ich habe bereits Zeugen organisiert“, fügte Lena hinzu und wedelte mit einem Blatt Papier. „Der Nachbar bestätigt, dass mein Bruder sich in den letzten Monaten merkwürdig verhalten hat. Und ein ehemaliger Bäcker will aussagen, Maximilian sei ausfallend geworden, habe Angestellte angeschrien.“
Anna drehte sich langsam um. „Gegen Bezahlung wird man vieles bestätigen, nehme ich an?“
„Worauf kommt es an?“ Lena hob trotzig das Kinn. „Entscheidend ist, dass das Gericht das Testament für ungültig erklärt. Du bist seine Ehefrau, Anna. Es ist deine Pflicht, sein Andenken zu verteidigen!“
Anna ließ ihren Blick auf Elisabeth ruhen. Sie saß da mit unbewegter Miene, die Lippen schmal und fest aufeinandergepresst, und in diesem Gesicht lag kein Hauch von Trauer.
