…genau das Geld, das sie eigentlich bis zum nächsten Gehaltseingang zurücklegen wollte. Für die Anzahlung der Geräte, mit denen sie sich endlich selbstständig machen wollte.
Emma schloss die Augen. Ein dumpfes Pochen hämmerte hinter ihrer Stirn. Und plötzlich tauchte vor ihrem inneren Blick ihre Hochzeit auf – vier Jahre war das her, ein warmer Augusttag. Jonas hatte damals ein selbst geschriebenes Gedicht vorgelesen, unbeholfen gereimt, aber voller Gefühl. Er hatte geschworen, sie auf Händen zu tragen. Hatte versprochen, sie würden immer zusammenhalten, ein Team sein. Ein Team … Lächerlich.
„Emma, hörst du mir überhaupt zu?!“ fuhr er sie scharf an.
Sie öffnete die Augen. „Ja. Ich gehe ja schon.“
Sie zog sich hastig die Jacke über, schlüpfte in ihre Turnschuhe, griff nach Tasche und Karte. Im Treppenhaus roch es nach kaltem Rauch und feuchtem Putz. Natürlich war der Aufzug wieder außer Betrieb. Also sieben Stockwerke zu Fuß hinunter, vorbei an beschmierten Wänden und an einer Tür, hinter der eine Frau ihre Kinder anschrie.
Draußen biss die Kälte in ihr Gesicht. Emma lief schnellen Schrittes, beinahe im Laufschritt, zum Spätkauf an der Ecke. Autos rauschten vorbei, Grüppchen junger Leute lachten, jemand machte Selfies vor einem grell leuchtenden Weihnachtsbaum. Die Stadt war im Vorbereitungsrausch, überall Lichter, überall Vorfreude. In ihrem Kopf jedoch kreiste nur die Einkaufsliste: Bier, Hähnchen, Kartoffeln …
Im Laden war es stickig und überhell. Sie legte alles zügig in den Korb, stellte sich an der Kasse an. 63 Euro. Die Zahlung wurde akzeptiert – auf dem Konto blieben 2 Euro. Zwei. Bis zum 27. Dezember.
Als sie zurückkam, lag Jonas bereits auf dem Sofa, quer ausgestreckt, leise schnarchend, das Handy auf der Brust. Der Fernseher plapperte weiter in die Leere. Emma stellte die Tüten in der Küche ab, löschte im Wohnzimmer das Licht und zog die Tür halb zu.
Sie setzte sich an den Tisch, nahm ihr Handy und schrieb Lina Lehmann: „Sei bitte nicht böse. Ich erkläre dir alles.“
Doch was hätte sie erklären sollen? Eigentlich nichts – und zugleich viel zu viel. Wenn sie einmal anfing, würde alles auseinanderbrechen. Das fragile Kartenhaus, das sie in den letzten Monaten mit letzter Kraft gestützt hatte, würde in sich zusammenfallen.
Sie legte die Stirn auf ihre verschränkten Arme und blieb so sitzen. In der stillen Küche tropfte der Wasserhahn, das Licht im Kühlschrank flackerte schwach. Morgen würde ein neuer Tag beginnen. Und übermorgen auch. Am Mittwoch kämen die Gäste, und sie würde lächeln, Salate reichen, Teller abräumen. Ihre Schwiegermutter würde gewiss eine Bemerkung über ihre Frisur oder ihr Kleid fallen lassen. Und Jonas würde mitlachen.
So war es immer gewesen.
Am nächsten Morgen verließ Jonas früh die Wohnung. Die Tür fiel ins Schloss, ohne Abschied. Emma lag wach und starrte an die Decke, während seine Schritte im Treppenhaus verklangen. Sieben Uhr zeigte das Display. Sie hätte noch eine Stunde schlafen können, doch an Ruhe war nicht zu denken.
Sie stand auf, setzte Wasser auf. In der Spüle stapelte sich das Geschirr vom Vorabend – selbstverständlich hatte Jonas keinen Finger gerührt. Mechanisch schrubbte sie Teller und Tassen, als ihr Telefon klingelte. Unbekannte Nummer.
„Hallo?“
„Frau König?“ Eine männliche Stimme, fremd, mit einem kaum hörbaren Akzent. „Mein Name ist Philipp Albrecht. Ich rufe wegen Ihres Mannes an.“
Ihr Herz rutschte ihr in die Magengrube. Unfall? Krankenhaus? Das Gehirn malt sofort Katastrophen, wenn um diese Uhrzeit Fremde anrufen.
„Was ist passiert?“, brachte sie mühsam hervor.
„Nichts Dramatisches. Ich wollte Sie nur persönlich informieren.“ Eine kurze Pause. „Ihr Mann trifft sich mit meiner Frau. Seit vier Monaten.“
Emma stand reglos da, der nasse Schwamm in ihrer Hand. In ihrem Kopf breitete sich gleißende Leere aus, ein weißes Dröhnen.
„Sind Sie noch da?“, fragte er vorsichtig.
„Ja“, hauchte sie. „Woher wissen Sie das?“
„Ich habe Nachrichten gelesen. Sie planen, nach Neujahr zusammenzuziehen. Jonas hat meiner Frau versprochen, sich im Januar von Ihnen zu trennen. Er sagte, die Entscheidung sei längst gefallen.“
Der Schwamm glitt ihr aus den Fingern und fiel klatschend ins Becken. Sie klammerte sich an die Tischkante.
„Wer ist sie?“, fragte sie tonlos.
„Franziska Kraus. Eine Freundin Ihrer Schwiegermutter.“
Franziska. Genau die Franziska, die am Mittwoch zum Essen kommen würde. Für die sie den Tisch für zwölf Personen decken sollte. Plötzlich begann Emma zu lachen – schrill, unkontrolliert.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Philipp beunruhigt.
„Bestens“, presste sie zwischen zwei Lachern hervor. „Er hat mich gestern noch angewiesen, für sie groß aufzutischen. Für sie alle. Verstehen Sie?“
„Ja“, sagte er leise. „Deshalb rufe ich an. Ich wollte nicht…“
