„Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“ Jonas Möller hob nicht einmal den Blick von seinem Smartphone, als Emma König mit der Handtasche über der Schulter an ihm vorbeiging. „Und wohin glaubst du zu müssen?“
Sie blieb im Flur wie angewurzelt stehen, die Finger bereits um die Türklinke geschlossen. Draußen war der Dezemberabend längst in tiefe Nacht übergegangen. In der Wohnung brannte nur das Küchenlicht – ein stumpfes, gelbliches Leuchten einer alten Glühbirne, die Jonas schon im Oktober hatte austauschen wollen.
„Ich treffe mich mit Lina. Wir hatten es doch abgesprochen …“ setzte sie an, doch er schnitt ihr das Wort ab und sah nun endlich vom Display auf.
„Dein lächerlicher Schönheitssalon interessiert mich nicht! Erst bereitest du alles für die Gäste meiner Mutter vor, und danach kannst du meinetwegen sonst wohin gehen“, zischte er. In seinem Ton lag eine Kälte, die sie unwillkürlich die Klinke loslassen ließ.
„Schönheitssalon“ – er dehnte das Wort jedes Mal spöttisch, als rede sie von einer kindischen Fantasie. Dabei hatte Emma in den vergangenen sechs Monaten alles in dieses Projekt investiert: ihr Erspartes aus der Arbeit als Buchhalterin, ihre freie Zeit, ihre gesamte Hoffnung. Lina Lehmann hatte bereits passende Räume gefunden, und am Montag wollten sie den Mietvertrag unterschreiben. Es fehlte nur noch die Anzahlung.

„Jonas, wir haben den Termin vor einer Woche festgelegt. Ich wusste nicht, dass deine Mutter…“
„Jetzt weißt du es.“ Er erhob sich schwerfällig vom Sofa. Das ausgeleierte T‑Shirt mit einem alten Ketchupfleck spannte über seinem Bauch. Als er näher kam, roch sie deutlich Bier. „Zwölf Leute werden es. Meine Mutter hat vor einer Stunde angerufen: Franziska Kraus kommt mit ihrer Familie, Ben Lehmann mit seiner Frau, außerdem noch Tante Mila Winter… Kurz gesagt – deck den Tisch. Salate, Vorspeisen, was Warmes. Du kennst das doch.“
Zwölf Personen. Mitten in der Woche. Drei Tage vor dem Wochenende. Und sie selbst arbeitete bis acht Uhr abends, musste noch einkaufen, kochen und diese ständig überfüllte Wohnung aufräumen. Emma presste die Finger um den Riemen ihrer Tasche; das Leder knarrte leise.
„Ich kann das Treffen nicht absagen. Wenn wir die Kaution nicht bis Freitag zahlen, verlieren wir die Räume.“
Er verzog den Mund zu einem höhnischen Lächeln, als hätte sie einen schlechten Witz gemacht.
„Glaubst du ernsthaft, dein kleiner Laden ist wichtiger als die Familie? Meine Mutter will heute etwas verkünden, extra deshalb kommen alle…“ Er stockte abrupt, brach den Satz ab und wechselte hastig das Thema. „Ist auch egal. Du bleibst hier und bereitest alles vor. Ende der Diskussion.“
Sie stand noch immer im Flur, die Tasche in der Hand, und spürte, wie sich tief in ihr etwas langsam verdrehte. Nicht zum ersten Mal in den letzten Monaten – wenn sie ehrlich war, nicht einmal im letzten Jahr. Jonas hatte sich verändert. Oder vielleicht hatte er nur aufgehört, sich zu verstellen. Früher tat er zumindest so, als würde er zuhören. Früher entschuldigte er sich, wenn er die Beherrschung verlor. Inzwischen hielt er das offenbar nicht mehr für nötig.
„In Ordnung“, sagte sie leise und nahm die Tasche von der Schulter.
Zufrieden nickte er, ließ sich wieder aufs Sofa fallen, griff zur Fernbedienung und schaltete irgendeine Show ein. Sein Lachen mischte sich mit dem Zischen einer Bierdose. Emma hingegen ging in die Küche und zog ihr Handy hervor.
„Lina, es tut mir leid. Heute klappt es doch nicht. Können wir morgen telefonieren?“
Die Antwort kam sofort: „Emma, das ist jetzt das dritte Mal diesen Monat. Was ist los bei dir?“
Was ist los? Emma blickte aus dem Fenster. Hinter der Scheibe funkelten die Lichter der Stadt; irgendwo da draußen trafen sich Menschen, lachten, schmiedeten Pläne. Und sie stand hier in ihrem Frottee-Bademantel, den Jonas abschätzig „Hausfrauenkluft“ nannte, und wusste nicht, was sie ihrer besten Freundin erklären sollte.
„Alles okay. Bin nur erschöpft. Morgen ganz sicher“, tippte sie schließlich.
Sie legte das Telefon beiseite und öffnete den Kühlschrank. Fast leer. Also noch einkaufen. Für zwölf Personen. Salate, Vorspeisen, ein Hauptgericht – vielleicht etwas mit Fleisch? Ihre Schwiegermutter liebte Hähnchenragout, fand aber dennoch jedes Mal einen Makel: zu große Stücke, zu wenig Gewürz, der Käse falsch überbacken.
„Emma!“, rief Jonas aus dem Wohnzimmer. „Ist kein Bier mehr da?“
„Nein!“, rief sie zurück.
„Dann geh noch welches holen!“
Sie antwortete nicht. Stattdessen nahm sie einen Notizblock aus der Schublade und begann, eine Liste zu schreiben. Drei Hähnchen. Drei Kilo Kartoffeln. Karotten, Zwiebeln, Mayonnaise, Eier… Im Kopf addierte sie die Beträge – fünftausend Eurocent hier, ein paar Tausend dort. Am Ende würden es wohl fünfzig oder sechzig Euro werden. Und auf ihrer Karte befanden sich noch sechseinhalbzig – genau das Geld, das sie eigentlich bis zum nächsten Gehaltseingang zurücklegen wollte.
