…wo man den ganzen Tag stehen musste – was für Helena selbstverständlich unzumutbar war, denn ihre Beine, wie sie erklärte, seien „für Höheres bestimmt“.
„Also halten wir das einmal sachlich fest“, sagte Anna und schlug das Geschirrtuch so energisch gegen ihre Handfläche, als müsste sie gleich jemanden zum Duell fordern. „Helena arbeitet nicht. Du, Maria, willst deinen Job aufgeben, um – ich zitiere – das Leben zu genießen. Ihr wohnt zusammen in einer Drei-Zimmer-Wohnung, vermietet die kleine Einzimmerwohnung und finanziert von der Miete Helenas glutenfreie Spezialprodukte. Und wir überweisen weiter die Hälfte von Matthias’ Einkommen an irgendeinen windigen Vermieter für diese feuchte Bruchbude mit Schimmel im Bad?“
„Wir sind eine Familie, Anna!“, rief Maria Walter mit erhobenem Zeigefinger. „Man muss in größeren, spirituellen Zusammenhängen denken – nicht in Quadratmetern! Und außerdem: Wenn nicht unser Matthias, wer bringt uns dann die Einkäufe und repariert den tropfenden Wasserhahn? Helena bekommt Migräne, wenn sie Metall anfasst. Schon der Anblick eines Schraubenschlüssels löst bei ihr Schwindel aus.“
„Metall verursacht Migräne, aber von deiner Rente bekommt sie plötzlich Appetit“, murmelte Anna so leise, dass es gerade noch als Selbstgespräch durchging.
Dann wandte sie sich ihrem Mann zu. Matthias stocherte verlegen in seinem Buchweizen herum. Er war einer von denen, die fremden Rentnerinnen über die Straße helfen, selbst wenn sie gar nicht hinüberwollen. Doch sobald seine Mutter den Raum betrat, verwandelte er sich in eine formlose Masse ohne Rückgrat.
„Matthias“, begann Anna ruhig und setzte sich ihm gegenüber, „ist dir klar, dass deine Schwester beschlossen hat, nie wieder zu arbeiten? Und dass deine Mutter das unterstützt – mit unserem Geld? ‚Lebensmittel bringen‘ kostet. ‚Den Wasserhahn reparieren‘ bedeutet einen Handwerker bezahlen. Und rat mal, wessen Konto belastet wird, wenn bei ihnen angeblich nur Geld für Knäckebrot da ist.“
„Ach, Anna, bitte… fang nicht wieder an“, seufzte er. „Mama meint, Helena wird sich später um sie kümmern.“
Anna hob langsam eine Augenbraue. „Kümmern? Helena schafft es kaum, ein Spiegelei zu braten, ohne die Feuerwehr zu alarmieren. Ihre Pflege sieht dann so aus: einmal im Monat dran denken, vielleicht etwas Wasser geben – wie bei meinem Kaktus.“
In diesem Moment stürmte Theo Werner in die Küche, dicht gefolgt von Maximilian Möller. Theo hielt triumphierend einen Turnschuh über dem Kopf – offenbar eine wertvolle Kriegsbeute.
„Mama! Er wollte meinen Schuh ins Klo werfen!“, brüllte Maximilian.
„Ich wollte nur testen, ob er schwimmt!“, verteidigte sich Theo empört.
Anna schloss für einen Augenblick die Augen. In alten Filmen hätten Heldinnen jetzt anmutig in ein Taschentuch geweint. Ihr war eher danach, auf den Balkon zu treten und so laut zu schreien, dass im Nachbarviertel die Hunde anschlugen.
„Ihr beiden kleinen Ozeanographen – ab in euer Zimmer!“, befahl sie. Dann wandte sie sich wieder an ihren Mann. „Morgen ist Samstag. Hat deine Mutter sich gemeldet?“
Matthias nickte bedrückt. „Ja. Wir sollen vorbeikommen. Helenas Kleiderschrank knarrt, sie kann deswegen nicht schlafen. Und wir müssen noch auf den Markt – Mama will Kartoffeln und Zwiebeln für den Winter einlagern.“
„Natürlich. Mit unserem Auto, unserem Benzin – und vermutlich mit deiner EC-Karte an der Kasse?“
Er schwieg. Und dieses Schweigen sagte alles.
Bei den Walters hatte sich eine hübsche Tradition etabliert: Maria schrieb Einkaufslisten, die länger waren als ein mittelalterliches Pergament, Matthias schleppte die Tüten, und wenn er zaghaft die Summe erwähnte, hieß es: „Ach, mein Junge, ich habe meine Geldbörse in der anderen Handtasche vergessen. Beim nächsten Mal.“ Das „nächste Mal“ blieb ein Mythos.
Spät in der Nacht lag Anna wach. Neben ihr schnarchte Matthias, aus dem Kinderzimmer drang das gleichmäßige Atmen der Jungs. Sie erinnerte sich an das letzte Familienessen, bei dem Helena mit ernster Miene verkündet hatte, Erwerbsarbeit sei Versklavung des Geistes, wahre Weiblichkeit bestehe im Kontemplieren von Schönheit. Während sie das sagte, aß sie mit großem Appetit die Tiefkühlravioli, die Anna nach einem Zehn-Stunden-Tag im Büro bezahlt hatte.
„Also ist Matthias der Leibeigene, ich die Dienstmagd – und die beiden residieren als feine Damen“, dachte Anna bitter. „Eine kassiert Miete, die andere meditiert auf dem Sofa. Und unsere Kinder werden eines Tages Kredite abbezahlen, weil ihr Vater zu gutmütig ist und ihre Großmutter strategisch plant.“
Am Samstagmorgen stand Anna als Erste auf. Pfannkuchen, sonst fester Bestandteil des Wochenendes, gab es diesmal nicht. Stattdessen kochte sie schlicht Haferbrei und klebte einen Zettel an den Kühlschrank.
Als Matthias verschlafen in die Küche schlurfte, fand er seine Frau geschniegelt und geschniegelt vor: dezent geschminkt, im eleganten Kostüm, die Haltung aufrecht – und auf den Lippen dieses geheimnisvolle Lächeln, das selbst die Mona Lisa neidisch gemacht hätte.
