„Wir überweisen regelmäßig Geld – und was bekommen wir dafür?“ sagte Anna und stellte den Teller mit Buchweizen zu energisch auf den Tisch

Diese kaltherzige Entscheidung verrät moralischen Bankrott.
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„Deine Mutter hat angekündigt, beide Wohnungen auf Helena Neumann überschreiben zu lassen“, sagte Anna Lange schließlich, ohne ihren Mann anzusehen. Seit dem Morgen hatte sie nach dem richtigen Moment für dieses Gespräch gesucht und ihn doch immer wieder verstreichen lassen.

„Ja, das stimmt“, erwiderte Matthias Bergmann und nickte knapp. „Ich weiß das.“

Anna schwieg einen Augenblick, dann fuhr sie fort: „Wenn also beide Immobilien an deine Schwester gehen, dann werden wir deine Mutter künftig auch nicht mehr finanziell unterstützen.“ Entschlossen zog sie einen Klumpen zusammengeklebter Nudeln aus dem Spülbecken, der sich wie eine Endlosschlange wand. „Und schau mich bitte nicht so an, Matthias. In meinen Augen steht kein Shakespeare-Drama, sondern eine nüchterne Kalkulation. Und die zeigt in der Spalte ‚Nutzen für uns‘ eine fette Null. Wir überweisen regelmäßig Geld – und was bekommen wir dafür?“

Matthias, von Natur aus konfliktscheu wie ein sattes Nilpferd in der Mittagssonne, räusperte sich nur. Er stand am Fenster ihrer gemieteten Zweizimmerwohnung am Stadtrand und pulte gedankenverloren an einer sich lösenden Tapetenecke. Die Wände schienen ein Eigenleben zu führen: Im Sommer warfen sie Blasen vor Feuchtigkeit, im Winter raschelten sie im Luftzug, als tuschelten sie darüber, wann die Bergmanns sich endlich Eigentum leisten würden.

„Anna, es ist doch meine Mutter“, murmelte er, ohne sich umzudrehen. „Ihr Blutdruck macht Probleme. Und Helena… du kennst sie doch. Sie ist sensibel, kreativ. Sie braucht Raum für ihre persönliche Entfaltung.“

„Helenas Selbstverwirklichung findet hauptsächlich waagerecht auf dem Sofa statt, begleitet vom Rascheln einer Chipstüte“, konterte Anna und stellte den Teller mit Buchweizen etwas zu energisch auf den Tisch. „Mit fünfunddreißig lebt diese ‚zarte Künstlerseele‘ immer noch auf Kosten ihrer Mutter – und plant offenbar, das bis zur Rente so durchzuziehen. Und zwar bis zu beider Rente gleichzeitig.“

Die Bergmanns entsprachen dem klassischen Familienmodell: Anna war der Motor, Matthias die Bremse, und die beiden Söhne, Maximilian Möller und Theo Werner, fungierten hauptsächlich als Geräuschkulisse mit enormem Ressourcenverbrauch. Maximilian, zehn Jahre alt, perfektionierte bereits die Kunst, elterliche Anweisungen zu überhören. Theo, sieben, befand sich in jener Entwicklungsphase, in der jeder Gegenstand entweder zur Waffe oder zum Snack erklärt werden konnte.

Das eigentliche Problem hieß Maria Walter, Annas Schwiegermutter. Sie verfügte über zwei strategisch bedeutsame Immobilien. Die erste war das sogenannte „Familiennest“ in einem Altbau mit Decken so hoch, dass man fast ein Fernglas brauchte. Die zweite war eine Einzimmerwohnung, geerbt von ihrem verstorbenen Ehemann. Anna, die jeden Kassenbon studierte, als ginge es um Staatsfinanzen, war bislang davon ausgegangen, dass man das Erbe eines Tages gerecht aufteilen würde – fünfzig zu fünfzig, wie im Bilderbuch.

Doch Maria Walter hatte offenbar einen ganz anderen Plan – raffiniert genug, um am Hofe eines Sonnenkönigs Beifall zu finden.

„Anna, versteh doch“, hatte die Schwiegermutter eine Woche zuvor doziert und dabei würdevoll den Tee in jener Porzellantasse gerührt, die Anna ihr zum Jubiläum geschenkt hatte. „Matthias ist ein Mann. Stark, belastbar, ein Versorger. Er kann ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und notfalls fünfzig Jahre lang einen Kredit abzahlen. Aber Helena… sie ist wie eine empfindliche Orchidee. Sie braucht Halt.“

‚Mit zwei Wohnungen als Halt ist das keine Orchidee mehr, sondern eher ein ausgewachsener Mammutbaum‘, hatte Anna gedacht, sich jedoch höflich erkundigt:

„Maria Walter, wir haben zwei Kinder. Maximilian und Theo werden bald eigene Zimmer brauchen. Momentan schlafen sie in einem Etagenbett und treten sich gegenseitig auf die Köpfe.“

„Kinder sind ein Segen“, entgegnete die Schwiegermutter kühl. „Helena und ich werden zusammen in der großen Wohnung leben und füreinander da sein. Die kleine vermieten wir. Helena muss schließlich wovon leben. Ein Bürojob kommt für sie nicht infrage – dort herrscht eine schlechte Aura. Und diese Klimaanlagen!“

Helena Neumann nickte zustimmend, ohne den Blick vom Smartphone zu heben. Seit drei Jahren befand sie sich offiziell auf „Selbstfindung“. Angesichts der Dauer schien sie sich selbst irgendwo zwischen Fernweh und Fernbedienung verloren zu haben – gefunden wurde sie meist in der Küche ihrer Mutter. Anna hatte dreimal versucht, ihr eine Stelle zu verschaffen: einmal als Empfangskraft in einem Kosmetikstudio – nach zwei Stunden kündigte Helena, weil die Kundinnen „zu laut atmeten“. Dann im Stadtarchiv – dort war es ihr zu staubig für ihre empfindlichen Bronchien. Und schließlich in einer Paketstation, wo man den ganzen Tag stehen musste.

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