Für Johanna fand sie immer irgendeine Erklärung.
„Johanna ist empfindlicher.“
„Johanna braucht eben mehr Rückhalt.“
„Johanna muss ihren Platz im Leben erst noch finden.“
Von Niklas dagegen wurde erwartet, dass er alles schluckte, alles regelte und sich allein wieder aufrichtete.
Ich stand auf.
„Wir gehen.“
Claudia wandte den Kopf zu mir.
„Du setzt dich wieder hin.“
„Nein.“
Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich sofort.
„Das ist eine Familienangelegenheit.“
Ich hielt ihrem Blick stand.
„Dann hätten Sie nicht achtzehn Zuschauer dazu einladen sollen.“
Irgendwo am Tisch räusperte sich jemand verlegen.
Claudia stellte ihr Glas mit hörbarem Klacken ab.
„Hannah, misch dich nicht in Dinge ein, die du nicht begreifst.“
„Ich begreife sehr gut, dass Sie Ihren eigenen Sohn gerade vor der gesamten Familie erniedrigt haben.“
Johanna fuhr dazwischen.
„Mach doch nicht so ein Theater daraus.“
Ich sah sie an.
„Interessant. Dafür, dass es angeblich kein Theater ist, wirkst du erstaunlich gelassen.“
Ihr Lächeln erlosch.
Niklas legte mir die Hand an den Arm.
„Hannah, komm. Lass uns fahren.“
Wir nahmen unsere Mäntel und verließen das Haus.
Claudia machte nicht einmal den Versuch, uns aufzuhalten.
Draußen am Wagen blieb Niklas für einen Moment wie angewurzelt stehen.
Dann setzte er sich hinters Steuer.
Doch den Motor ließ er aus.
„Fünfzehn Jahre“, sagte er schließlich.
„Ich weiß.“
„Fünfzehn Jahre habe ich für sie gearbeitet.“
Er beugte sich vor und legte die Stirn auf das Lenkrad.
„Zwei Angebote habe ich damals ausgeschlagen, weil Vater mich gebeten hatte, im Betrieb zu bleiben.“
Mir fehlten die Worte.
Nach einer Weile hob Niklas den Kopf.
„Morgen kündige ich.“
Und genau das tat er.
Am nächsten Morgen um 9:12 Uhr schickte er seine Kündigung ab.
Um 9:17 Uhr rief Claudia an.
Niklas ging nicht ran.
Um 9:23 Uhr versuchte sie es erneut.
Um zehn Uhr meldete sich Johanna.
Um halb elf der Finanzleiter.
Um elf der Leiter des Lagers.
Bis zwölf Uhr standen siebenundzwanzig verpasste Anrufe auf Niklas’ Display.
„Was ist da los?“, fragte ich.
Er blickte auf sein Handy.
„Ich glaube, sie haben nicht damit gerechnet, dass ich wirklich gehe.“
Das war noch milde ausgedrückt.
Jahrelang hatte Claudia behauptet, Niklas sei „nur ein Angestellter wie jeder andere“.
Nur stellte sich jetzt heraus, dass dieser „Angestellte wie jeder andere“ Verträge freigegeben, Lieferungen abgestimmt, heikle Beschwerden bearbeitet und den direkten Kontakt zu den drei wichtigsten Kunden des Unternehmens gepflegt hatte.
Zwei Tage später stand Claudia vor unserer Wohnungstür.
Ohne Ankündigung.
Ich öffnete.
„Ich muss mit meinem Sohn sprechen.“
„Niklas arbeitet.“
„Wo?“
„Hier.“
Sie wollte an mir vorbeigehen.
Ich blieb stehen.
„Hannah.“
„Claudia.“
„Treib keine Spielchen mit mir.“
In diesem Augenblick trat Niklas hinter mich.
„Lass sie rein.“
Claudia marschierte geradewegs ins Wohnzimmer.
„Was soll das alles?“
Niklas setzte sich ruhig.
„Ich arbeite.“
„Du hast die Firma in eine unmögliche Lage gebracht.“
„Ich dachte, ich wäre niemand.“
Claudia presste die Lippen zusammen.
„Verdreh nicht, was ich gesagt habe.“
„Du hast es vor achtzehn Menschen gesagt.“
Sie holte tief Luft.
„Ich war wütend.“
„Nein. Du hattest alles vorbereitet. Dein Testament war schon vor dem Abendessen geändert.“
Stille breitete sich aus.
Claudia sah zu mir.
„Das ist alles deine Schuld.“
Beinahe hätte ich aufgelacht.
„Meine?“
„Seit er dich geheiratet hat, entfernt Niklas sich von seiner Familie.“
Mein Mann erhob sich.
„Lass Hannah da raus.“
„Sie beeinflusst dich.“
„Mutter.“
Seine Stimme war so fest, dass Claudia verstummte.
„Ich habe gekündigt. Nicht Hannah.“
Claudia starrte ihn an.
„Dann komm zurück.“
„Nein.“
Es war, als könne sie dieses Wort nicht einordnen.
„Was heißt hier nein?“
„Es heißt, dass ich nicht zurückkomme.“
„Niklas, dieses Unternehmen könnte eines Tages dir gehören.“
