„Ich habe eure Reise storniert. Jakob muss beim Geburtstag seiner Tante dabei sein“ — erklärte meine Schwiegermutter mit solcher Gelassenheit, dass die Kaffeekanne in meiner Hand stehen blieb

Diese Rücksichtslosigkeit fühlte sich wie Verrat an.
Geschichten

— Ich habe eure Reise storniert. Jakob muss beim Geburtstag seiner Tante dabei sein — erklärte meine Schwiegermutter mit einer solchen Gelassenheit, dass ich im ersten Moment glaubte, sie erlaube sich einen Scherz. Die Kaffeekanne blieb mitten in der Bewegung in meiner Hand stehen.

— Wie bitte? Was haben Sie gerade gesagt?

Hannah nahm sich einen Keks vom Teller, lehnte sich gemütlich zurück und wiederholte, als ginge es um etwas völlig Alltägliches:

— Ich sagte, dass ich eure Reise abgesagt habe. Am Samstag feiert Tante Greta ihren sechzigsten Geburtstag, und Jakob gehört dort hin.

Mein Blick wanderte zu meinem Mann. Jakob stand an der Arbeitsplatte, eine Wasserflasche in der Hand. Sein Gesicht sagte mir, dass er jedes Wort genauso verstanden hatte wie ich.

Langsam zog ich mein Handy aus der Tasche.

— Einen Moment. Sie behaupten also, Sie hätten unsere Buchung ohne unser Wissen gelöscht?

Hannah runzelte die Stirn.

— Schau mich nicht so an. Ich habe das nur zu eurem Besten getan.

— Zu unserem Besten?

— Natürlich. In letzter Zeit denkt ihr nämlich nur noch an euch selbst.

Es war Donnerstagnachmittag.

Unsere Abreise war für Samstagmorgen geplant gewesen.

Seit fast vier Monaten freuten wir uns darauf. Fünf Nächte in einem kleinen Hotel am Meer. Nichts Übertriebenes, kein Luxusurlaub. Einfach ein paar Tage Abstand von der Arbeit, von familiären Verpflichtungen und von diesen endlosen Sonntagsbesuchen.

Jakob hatte seit beinahe einem Jahr nie länger als zwei Tage am Stück freigehabt.

Ich hatte meine Urlaubstage im Büro sogar zweimal verschoben, damit wir denselben Zeitraum frei bekamen.

Das Hotel war bezahlt.

Die Tickets lagen bereit.

Sogar einen Mietwagen hatten wir bereits reserviert.

Und nun saß meine Schwiegermutter in unserer Küche und teilte uns mit, sie habe unsere Reise einfach annulliert.

Ich atmete tief durch, um nicht sofort loszuschreien.

— Hannah, was genau haben Sie storniert?

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

— Das Hotel.

Mir wurde eiskalt.

— Unser Hotel?

— Ja.

Jakob stellte die Flasche mit hörbarem Klacken auf die Arbeitsplatte.

— Mama, wie zur Hölle konntest du unsere Reservierung stornieren?

— In diesem Ton sprichst du nicht mit mir.

— Ich will wissen, wie du das gemacht hast.

Hannah seufzte genervt.

— Ich hatte eben die Angaben.

— Welche Angaben?

— Die Buchungsdaten.

Ich starrte sie an.

Da fiel es mir wieder ein.

Zwei Wochen zuvor war Hannah bei uns gewesen, während ich die Reiseunterlagen ausgedruckt hatte. Die Bestätigung des Hotels hatte auf dem Esstisch gelegen.

Nur für ein paar Minuten.

Offenbar hatte das gereicht.

Mit zittrigen Fingern öffnete ich auf meinem Handy das E-Mail-Postfach und gab den Namen des Hotels in die Suche ein.

Die Nachricht war sofort da.

Sie war an diesem Morgen eingetroffen.

„Ihre Reservierung wurde erfolgreich storniert.“

Mein Herz begann unangenehm schnell zu schlagen.

— Das kann doch nicht wahr sein.

Jakob trat neben mich.

— Zeig mal.

Ich hielt ihm das Display hin.

Seine Miene veränderte sich schlagartig.

— Mama.

Hannah hob nur die Schultern.

— Was denn?

— Du hast wirklich im Hotel angerufen und unser Zimmer abbestellt?

— Das habe ich doch gerade gesagt.

— Und dabei hast du dich als einer von uns ausgegeben?

Zum ersten Mal wirkte Hannah nicht mehr ganz so sicher.

— Ich musste mich für niemanden ausgeben. Ich hatte die Buchungsnummer und euren Nachnamen.

— Das beantwortet die Frage nicht — sagte ich leise.

Hannah warf mir einen gereizten Blick zu.

— Emma, mach daraus bitte kein Theater.

Ein kurzes, ungläubiges Lachen entfuhr mir.

— Sie stornieren heimlich unseren Urlaub, und ich soll daraus ein Drama machen?

LebensKlüber