— Ich habe mir ein bisschen Geld aus eurem Umschlag genommen. Ihr legt doch sowieso etwas zurück — sagte meine Schwiegermutter vollkommen gelassen.
Ich starrte sie an, weil ich einen Moment lang sicher war, mich verhört zu haben.
— Wollen Sie mir gerade ernsthaft sagen, dass Sie ohne unsere Erlaubnis an unser Geld gegangen sind?
Clara Schubert stellte ihre Kaffeetasse auf den Tisch und zog kaum merklich die Brauen zusammen, als sei nicht ihr Verhalten, sondern meine Empörung das eigentliche Problem.
— Luisa, bitte. Mach jetzt kein Theater daraus. Ich habe ja nicht den ganzen Umschlag leer gemacht.

Mein Mann Finn Lehmann, der an der Küchenzeile gerade Apfelkuchen in Stücke schnitt, legte das Messer langsam auf das Brett.
— Mama … von welchem Umschlag redest du?
Clara sah ihn an.
— Von dem, den ihr in der Schublade der Kommode aufbewahrt.
Mir zog sich der Magen zusammen.
Nicht, weil ich in diesem Moment erfuhr, dass Clara wusste, wo wir das Geld versteckten.
Sondern weil sie damit bestätigte, dass sie in unserer Wohnung eine Schublade geöffnet, darin einen Umschlag gefunden, ihn aufgemacht und Geld herausgenommen hatte.
Und trotzdem wirkte sie noch immer, als sei sie fest davon überzeugt, mein Tonfall sei das Unangemessene an der ganzen Sache.
Es war Sonntag, kurz nach vier Uhr am Nachmittag.
Clara war auf einen Kaffee vorbeigekommen. Finn und ich waren seit beinahe sechs Jahren verheiratet, und seit acht Monaten sparten wir darauf, vor dem Winter die Fenster unserer Wohnung austauschen zu lassen.
Es handelte sich nicht um ein Vermögen.
Jeden Monat legten wir hinein, was eben übrig blieb: fünfzig Euro, manchmal hundert, gelegentlich zweihundert, wenn wir weniger ausgegeben hatten als geplant.
In der Woche zuvor hatte ich den Inhalt gezählt.
Es waren 1.850 Euro gewesen.
Der Umschlag lag in einer Schublade der Kommode im Wohnzimmer, unter einer Mappe voller Unterlagen.
Er lag nicht offen herum.
Und Clara hatte nicht den geringsten Anlass gehabt, genau diese Schublade zu öffnen.
— Wie viel hast du genommen? — fragte Finn.
Seine Mutter machte eine beiläufige Handbewegung.
— Zweihundert.
Ich sah sie nur an.
— Zweihundert Euro?
— Ja.
— Und wann genau wollten Sie uns das sagen?
— Ich sage es euch doch jetzt.
Mir entfuhr ein kurzes, trockenes Lachen.
— Das beantwortet meine Frage nicht.
Clara seufzte, als müsste sie sich mit einem besonders anstrengenden Kind befassen.
— Ich habe es am Freitag herausgenommen.
Freitag.
Also zwei Tage zuvor.
An diesem Abend hatte ich bis sieben gearbeitet. Finn war sogar noch später nach Hause gekommen.
Clara war damals angeblich vorbeigekommen, weil sie uns eine Dose mit Essen bringen wollte.
Für Notfälle besaß sie einen Ersatzschlüssel zu unserer Wohnung.
Plötzlich schoss mir ein anderer Gedanke durch den Kopf.
— Waren Sie auch in unserem Schlafzimmer?
— Nein.
— Haben Sie noch andere Schubladen geöffnet?
— Luisa …
— Ich habe Ihnen eine Frage gestellt.
Finn mischte sich ein.
— Mama, warum hast du überhaupt in die Kommode geschaut?
Clara verschränkte die Arme vor der Brust.
— Ich habe Batterien gesucht.
— Die Batterien liegen in der Küche — sagte Finn.
Für ein paar Sekunden sagte niemand etwas.
Clara wandte den Blick ab.
Das gefiel mir ganz und gar nicht.
— Wofür brauchten Sie zweihundert Euro? — fragte ich.
— Amelie Heinrich hatte eine unvorhergesehene Ausgabe.
