„Er selbst aber kam nicht“, gestand Lukas und blieb zögernd am Rand des Dorfes stehen

Diese Rückkehr fühlt sich schmerzhaft, unverzeihlich an.
Geschichten

Die Hausherrin

Lukas war seit zwanzig Jahren nicht mehr in seinem Heimatdorf gewesen.

Zwanzig Jahre — das ist kein bloßer Abschnitt, das ist beinahe ein ganzes Leben. Man fährt als schmaler Junge fort, mit erstem Flaum über der Lippe und dem Schulrucksack auf dem Rücken, und kehrt als Mann zurück, der auf die vierzig zugeht, graue Strähnen an den Schläfen trägt, ein Ziehen im Kreuz kennt und etwas Schweres in der Brust mit sich herumträgt, als könne man darüber nur noch heulen.

Mit neunzehn war er weggegangen. Erst kam das Studium in der Stadt, danach die Bundeswehr, dann die erste Stelle, die Ehe, die Scheidung, wieder Arbeit, möblierte Wohnungen, Ratenzahlungen, Termine, Druck, dieses endlose Hinterherrennen hinter einem Leben, das ihm immer knapp entglitt. Seine Mutter rief er anfangs noch hin und wieder an — einmal im Monat, später nur noch alle paar Monate, schließlich fast nur an Feiertagen. Geld überwies er zuverlässig. Er selbst aber kam nicht. Zuerst fehlte die Zeit. Dann schämte er sich. Später hatte er Angst. Und irgendwann hatte sich dieses „später“ auf zwei Jahrzehnte ausgedehnt.

Nun stand er am Rand der geschotterten Straße, kaum hundert Meter vor dem Dorf, und brachte es nicht fertig, weiterzugehen.

Hinter ihm lief leise der Motor des Mietwagens. Vor ihm, zwischen vereinzelten Kiefern, zeichneten sich dunkle Dächer ab — dieselben Dächer, die er aus seiner Kindheit kannte. Und doch waren sie nicht mehr dieselben. Alles wirkte fremd, müde, gealtert, als sei das Dorf in diesen zwanzig Jahren ebenso alt geworden wie er. Manche Häuser standen schief, andere waren von hohem Unkraut und wilder Staude verschluckt, wieder andere starrten mit vernagelten Fenstern ins Leere. Bewohnte Höfe gab es wohl nur noch halb so viele wie früher.

Lukas blieb noch einen Moment stehen, biss sich auf die Lippe und setzte sich dann in Bewegung.

Seine Füße fanden den Weg von selbst. Hier hatte einmal der Dorfsaal gestanden — jetzt ragte nur noch ein leerer Kasten mit eingestürztem Dach in den Himmel. Dort drüben war die Schule gewesen, in die er als Erstklässler gerannt war — nun waren die Fenster mit Brettern verschlossen. An dieser Stelle hatte Tante Anni gewohnt, die ihm früher warme Milch eingeschenkt hatte — von ihrem Haus waren nur noch Reste übrig. Und dort kam die Abzweigung zu ihrem Grundstück: über den kleinen Steg, an der alten Birke vorbei, die sein Vater im Jahr seiner Geburt gepflanzt hatte.

Die Birke stand noch. Gewaltig war sie geworden, breit ausladend, kaum mit zwei Armen zu umfassen. Lukas blieb vor ihr stehen und legte die Hand auf die raue Rinde. Zwanzig Jahre. Der Baum war gewachsen. Und er selbst? War er es auch?

Auch das Haus war noch da. Nur hatte es sich tiefer geneigt, als Lukas es in Erinnerung gehabt hatte. Die Veranda war abgesackt, der Zaun verlief krumm wie eine Welle, die Dachplatten waren rissig. Doch in den Fenstern brannte Licht. Seine Mutter lebte, das wusste er: Eine Nachbarin, mit der er selten ein paar Nachrichten wechselte, hatte geschrieben, Elisabeth Stepanowna halte sich noch.

Lukas öffnete die Gartenpforte. Die Scharniere kreischten genau mit jenem Laut, den er seit frühester Kindheit kannte. Etwas zog sich in seiner Brust zusammen. Er ging über den Hof, stieg die Stufen hinauf und drückte die Tür auf.

Im Vorraum roch es wie damals: nach getrockneten Kräutern, altem Holz und dem warmen, staubigen Atem des Ofens. An einem Haken hing ein alter Mantel. Der seines Vaters. Lukas erkannte ihn sofort. Der Vater war vor sieben Jahren gestorben. Zur Beerdigung war Lukas nicht gekommen — ob aus Scham, aus Feigheit oder weil er innerlich bereits so hart geworden war, dass er es sich selbst nicht eingestehen wollte, wusste er bis heute nicht.

Er trat in die Stube.

Am Tisch saß eine alte Frau, klein, gebeugt, mit dunklem Kopftuch und gestrickter Jacke. Vor ihr stand ein Teller Brei. Sie aß langsam, fast angestrengt, und hob auf das Geräusch seiner Schritte hin nicht gleich den Kopf.

„Guten Tag“, sagte Lukas leise.

Die Alte blickte auf. Lange sah sie ihn an, prüfend, aufmerksam. Dann legte sie den Löffel beiseite und fragte:

„Zu wem möchten Sie, junger Mann?“

In Lukas riss etwas ab.

„Mama…“, brachte er mit heiserer Stimme hervor. „Ich bin’s. Lukas. Dein Sohn.“

Elisabeth Stepanowna kniff die Augen zusammen. Sie hob die Hand an die Stirn, offenbar sah sie schlecht. Danach stemmte sie sich langsam, mit sichtbarer Mühe, vom Tisch hoch und kam näher. Einen Schritt vor ihm blieb sie stehen. Sie suchte in seinem Gesicht — in den Falten, im Grau an den Schläfen, in den müden Augen.

„Lukas?“, flüsterte sie.

Dann begann sie zu weinen.

Nicht laut, nicht mit Klagen und Schluchzen, wie Menschen weinen, wenn ihnen ein Unglück widerfährt. Still weinte sie, beinahe lautlos, nur mit den Augen. Die Tränen liefen durch ihre Falten wie Wasser durch ein ausgetrocknetes Bachbett. Lukas stand da und wusste nicht, wohin mit sich. Er wollte sie umarmen, doch seine Arme gehorchten ihm nicht. Zwischen ihnen schien eine Wand zu stehen, gemauert aus all den Jahren, in denen er nicht gekommen war.

„Ich bin zurück, Mama“, sagte er rau. „Verzeih mir.“

Elisabeth antwortete nicht. Sie nahm lediglich seine Hand in ihre — trocken, leicht, fast gewichtslos — und zog ihn zum Tisch.

„Setz dich. Du musst etwas essen. Du bist ja ganz mager.“

Und das bedeutete mehr als jedes lange Gespräch.

Bis zum Abend blieben sie am Tisch sitzen. Lukas aß den Brei seiner Mutter, einfachen Hirsebrei, und doch hatte ihm im Leben kaum etwas besser geschmeckt. Er erzählte von der Stadt, von seiner Arbeit, von allem, was gewesen war. Elisabeth hörte schweigend zu, nickte manchmal, fragte hin und wieder nach; ihr Gehör war in den letzten Jahren schwach geworden.

Lukas betrachtete sie und erkannte sie kaum wieder. In seiner Erinnerung war seine Mutter eine aufrechte, kräftige Frau gewesen, mit flinken Händen und einer Stimme, die durchs ganze Haus getragen hatte. Jetzt saß ihm eine kleine, gekrümmte alte Frau gegenüber, die den Löffel nur mit Mühe hielt. Zwanzig Jahre. Was hatten diese Jahre aus ihr gemacht?

„Mama“, fragte er vorsichtig, „warum hast du mich eben nicht erkannt?“

Elisabeth schwieg eine Weile und rührte mit dem Löffel in ihrem Teller.

„Ich dachte, es sei der Postbote.“

LebensKlüber