Offenbar deshalb, weil ausgerechnet ich nicht eingeladen worden war.
Ich ließ die Nachricht unbeantwortet.
Dafür meldete sich Moritz zu Wort. Er schrieb ziemlich klar, dass der Fehler zuerst bei ihm gelegen habe: Er hätte einer Verabredung gar nicht zustimmen dürfen, bei der die Ehemänner seiner Schwestern selbstverständlich dabei waren, seine eigene Frau aber nicht. Danach fügte er noch hinzu, dass auch diese alte Gewohnheit mit den Restaurantrechnungen nun ein Ende haben müsse. Künftig solle jeder schon vorher davon ausgehen, die eigenen Ausgaben selbst zu tragen.
Andrea versuchte daraufhin, die Wogen zu glätten.
„Jetzt reicht es aber mit dem Streit. Was das Geld betrifft, ist es wirklich am einfachsten, wenn jeder für sich bezahlt. Dann gibt es hinterher auch keine Diskussionen.“
Clara schrieb nur knapp, sie habe verstanden.
Von Sophie kam an diesem Tag nichts mehr.
In den folgenden Wochen beschränkte sich unser Kontakt fast vollständig auf das Nötigste. Es gab keinen großen Auftritt, niemand stellte sich demonstrativ in die Mitte und verlangte eine Aussprache. Aber die Leichtigkeit war weg. Die Nachrichten wurden kürzer, die Gespräche seltener, und zwischen uns lag plötzlich etwas, das vorher nicht da gewesen war.
Knapp zwei Monate später hatte Andrea Geburtstag. Sie rief mich persönlich an und fragte, ob ich mit ins Restaurant kommen würde. Ich sagte zu. An diesem Abend saßen wieder alle sieben gemeinsam an einem Tisch.
Überraschenderweise verlief der Abend ruhig. Sophie wirkte am Anfang kühl und hielt Abstand, doch nach einer Weile taute sie auf. Sie beteiligte sich wieder an den Gesprächen, lachte sogar ein paarmal, und niemand kam auf die alte Geschichte zurück. Vielleicht waren alle einfach müde von dem Streit. Vielleicht hatte auch jeder für sich begriffen, dass es besser war, manche Dinge nicht noch einmal aufzureißen.
Als es Zeit wurde zu bezahlen, hob Moritz die Hand und bat den Kellner an unseren Tisch.
„Bitte getrennt abrechnen“, sagte er ruhig. „Für meine Frau, meine Mutter und mich eine Rechnung. Für Sophie und ihren Mann die zweite. Für Clara und ihren Mann die dritte.“
Der Kellner fragte wegen einiger gemeinsamer Vorspeisen und Platten nach. Moritz erklärte sachlich, zu welcher Rechnung sie gehören sollten. Kurz darauf brachte der Kellner drei getrennte Abrechnungen.
Niemand verzog das Gesicht. Niemand rechnete laut nach. Niemand fragte, wer wem später noch etwas überweisen müsse.
Seit diesem Abend bezahlen wir unsere Familienessen im Restaurant genau so. Und seltsamerweise sind die Treffen dadurch nicht kälter geworden. Im Gegenteil: Seit jeder weiß, woran er ist, gibt es weniger unausgesprochene Erwartungen am Tisch.
