Doch Laura blieb wie festgewachsen. Sie machte einen Schritt zurück — nicht, um den Weg freizugeben, sondern um endlich zu handeln. Mit beiden Händen packte sie den ersten Koffer und stieß ihn mit solcher Wucht hinaus ins Treppenhaus, dass er über die Fliesen polterte und gegen die Wand krachte. Der zweite folgte unmittelbar darauf. Beim Aufprall sprang der Verschluss auf, alte Kleider, Tücher und Schals rutschten heraus und verteilten sich auf dem Boden.
— Du elendes…! — kreischte Sabine Stein und krallte sich in Lauras Arm.
Laura riss sich los und schob sie hart von sich weg. Es war kein Schlag, aber deutlich genug: Niemand hatte sie anzufassen. Sabine taumelte, ihr Hut saß plötzlich schief. Felix Hartmann sprang sofort zu ihr, stützte sie und murmelte hastig irgendwelche beschwichtigenden Worte.
Laura drehte sich um, ging in den Flur zurück und griff nach Felix’ Jacke, seinen Schuhen, seiner Tasche. Ein Stück nach dem anderen flog hinaus auf den Absatz, direkt zu dem Durcheinander aus Sabines Gepäck.
— Raus. Ihr beide.
Dann fiel die Tür ins Schloss. Zwei klare Umdrehungen des Schlüssels klangen in der Stille wie ein endgültiges Urteil.
Draußen brach sofort ein Tumult los. Sabine schrie, ihre Stimme überschlug sich, wurde schrill, giftig, voller Beleidigungen. Kurz darauf hämmerten Fäuste gegen die Tür. Das war Felix. Jeder Schlag wurde von seinen Rufen begleitet.
— Laura! Mach auf! Das kannst du nicht tun!
Laura stand mit dem Rücken an der Wand, die Kälte der Oberfläche drang durch den Stoff ihrer Kleidung. Sie lauschte dem Lärm, als käme er aus weiter Ferne, als tobte irgendwo hinter Glas ein Unwetter, das sie nicht mehr erreichte. In Felix’ Stimme lag keine Stärke. Nur Panik. Die Hilflosigkeit eines Mannes, dem die Kontrolle entglitten war. Sie blieb stehen und wartete, bis sich der Sturm von selbst erschöpfte.
Nach einigen Minuten verebbte alles. Erst hörte sie noch schlurfende Schritte, das Kratzen der Kofferrollen, gedämpftes Gemurmel. Dann nichts mehr.
Laura löste sich von der Wand, ging in die Küche, füllte ein Glas mit Wasser und trank es in einem Zug leer. Ihr Gesicht blieb ruhig, beinahe unbeweglich. Langsam ließ sie den Blick durch die Wohnung wandern: die Regale mit den Büchern, die Pflanzen auf der Fensterbank, das Sofa. Ihr Zuhause. Ihr Raum. Endlich befreit von einem fremden Eindringen.
Sie nahm ein Tuch, befeuchtete es und wischte sorgfältig die Türklinke ab, danach den Rahmen, den Türpfosten, die Schwelle — alles, was sie berührt hatten.
Da vibrierte ihr Handy. Auf dem Display stand Felix Hartmanns Name. Dutzende verpasste Anrufe, eine Flut von Nachrichten. Laura öffnete den Chat. „Das wirst du bereuen.“ „Mama geht es wegen dir schlecht.“ „Wie konntest du mich einfach rauswerfen?“ Sie las die Zeilen ohne Regung, als seien sie an eine andere Frau gerichtet. Antworten wollte sie nicht.
Stattdessen ging sie ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank und begann, seine Sachen herauszunehmen. Hemden, Hosen, Unterwäsche — alles landete in großen schwarzen Müllsäcken. Der erste füllte sich, dann der zweite, dann der dritte. Rasierer, Deo, Gürtel, Ladegerät, Kleinkram aus den Schubladen: hinein damit. Sie bewegte sich schnell und präzise, wie jemand, der überflüssigen Ballast entsorgt.
Als die Säcke neben der Wohnungstür standen, machte sie ein Foto davon und schickte es Felix mit nur einem Satz:
— Hol das ab. Die Schlüssel legst du in den Briefkasten.
Danach blockierte sie seine Nummer, schaltete das Telefon aus und ging ins Bad. Unter der heißen Dusche spülte sie die Reste dieses Tages von sich, dieses Ehebunds, dieses alten Lebens. Als sie später aus dem Badezimmer trat, atmete sie tief ein.
In ihrer stillen, sauberen Wohnung begann etwas Neues.
