„Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es Zeit wird, dass sie zu uns zieht.“ sagte Felix beiläufig, während Laura erstarrt das Staubtuch sinken ließ

Seine Dreistigkeit war unverschämt und erschütternd.
Geschichten

— Laura, jetzt reicht es aber, oder? — Felix Hartmann hob die Stimme und ging plötzlich zum Angriff über. — Was soll dieses „mein Zuhause“? Wir sind eine Familie, da gehört alles zusammen! Das ist keine Laune von mir, sondern eine Notwendigkeit. Willst du wirklich, dass meine Mutter, eine ältere Frau, irgendwo am Rand der Welt allein vor sich hinlebt, während wir hier so viel Platz haben?

Er sprang aus dem Sessel auf und griff nach ihrer Hand. Sein Blick wurde flehend, beinahe verzweifelt. Laura kannte diese Masche längst: Er stellte sie als herzlos hin, damit sie unter der Last ihres schlechten Gewissens nachgab.

— Sie würde uns doch sogar unterstützen! Du kommst abends völlig erledigt von der Arbeit und hast zu nichts mehr Kraft. Wenn Mama hier wäre, gäbe es warmes Essen, Ordnung, ein sauberes Zuhause. Meine Mutter ist niemand, der nur auf dem Sofa liegt und sich bedienen lässt. Das wäre doch für uns alle das Beste!

Laura zog ihre Hand sanft, aber mit unmissverständlicher Bestimmtheit zurück. Kein Zittern lag in ihrem Blick.

— Was du willst, ist mir in diesem Punkt gleichgültig, — sagte sie eisig. — Das ist mein Zuhause, und nur ich entscheide, wer hier wohnt. Deine Mutter gehört nicht dazu.

— Ist das dein Ernst? — Seine Stimme kippte vor Empörung.

— Das Thema ist erledigt, — schnitt sie ihm das Wort ab. — Ruf Sabine Stein an und sag ihr, sie soll die Koffer wieder auspacken.

Ihre Worte sanken in die Stille wie schwere Steine ins Wasser. Felix starrte sie an, und sein Gesicht färbte sich langsam rot, erst vor Verblüffung, dann vor Zorn. Er hatte mit Tränen gerechnet, mit Geschrei, vielleicht mit einem Streit. Aber nicht mit dieser ruhigen, undurchdringlichen Ablehnung.

— Du… willst mir also ein Ultimatum stellen? — presste er hervor, als bekäme er kaum Luft.

— Nein. Ich habe eine Entscheidung getroffen, — antwortete Laura, ohne ihn weiter anzusehen. Dann wandte sie sich wieder den Büchern zu und ordnete sie sorgfältig ins Regal. Ihre Bewegungen waren betont langsam, fast demonstrativ, als wolle sie ihm zeigen, dass das Gespräch für sie beendet war.

— Das ist auch mein Zuhause! — platzte es aus ihm heraus. — Wir leben hier zusammen! Ich habe genauso ein Recht, mitzubestimmen!

— Du hast das Recht, zu deiner Mutter zu fahren, — erwiderte sie ruhig. — Du kannst ihr dort helfen, in ihrem Ort. Das ist deine Entscheidung. Aber hier gelten meine Regeln.

Felix verstummte. Nicht, weil er überzeugt war, sondern weil er begriff, dass er gegen eine Wand redete. Die folgenden Tage wurden kaum erträglich. Sie teilten sich dieselbe Wohnung und bewegten sich doch, als lebten sie in getrennten Welten. Felix schlug Schranktüren lauter zu als nötig, seufzte beim Abendessen theatralisch und ließ absichtlich den Löffel auf den Teller fallen. Er wartete darauf, dass Laura nachgab. Doch sie aß schweigend weiter, den Blick auf ihr Essen gerichtet, als säße ihr Mann gar nicht mit am Tisch.

Dann begann der Angriff über das Telefon. Jeden Abend sprach Felix mit seiner Mutter, laut und mitten im Wohnzimmer, damit Laura jedes Wort mitbekam. Es war ein Ein-Mann-Stück, aufgeführt nur für sie.

— Mama, dein Blutdruck ist schon wieder hoch? Das kann doch nicht sein… Nimmst du deine Tabletten? Was heißt, es ist niemand da, der zur Apotheke gehen kann? — In seiner Stimme lag schweres Mitleid, doch darunter hörte Laura deutlich den Vorwurf, der an sie gerichtet war.

Laura saß vor ihrem Laptop und hob nicht einmal den Kopf. Sie bekam alles mit: die schmerzenden Knie, den tropfenden Wasserhahn und all die kleinen Notfälle, aus denen Felix ein stilles Drama machte.

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