— Hast du zufällig den ausgedruckten Fahrschein gesehen?
Leon wühlte gereizt in der kleinen Kommode im Flur. Unbezahlte Stromrechnungen und bunte Werbezettel einer Pizzeria flogen nacheinander auf den Hocker.
— Ich habe ihn gestern neben den Spiegel gelegt. Morgen fährt der Zug, und dieses Blatt ist weg. Wohin hast du es geräumt?
— Gesehen habe ich ihn.
Emma zog ihre Arbeitsschuhe aus, stellte sie auf das Schuhregal und richtete sie sorgfältig an der Kante aus.

— Ich habe deinen Fahrschein für den Kuraufenthalt wieder an der Kasse zurückgegeben.
Das Gesicht ihres Mannes verfinsterte sich sofort. Schwer lehnte er sich mit der Schulter gegen den Türrahmen und versperrte ihr damit den Weg ins Zimmer.
— Ich glaube, ich höre nicht richtig. Fängst du schon wieder damit an? Hast du dich wegen gestern erneut in etwas hineingesteigert?
— Nein. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ich steigere mich in gar nichts mehr hinein.
Emma ging an ihm vorbei ins Zimmer und warf ihre leichte Jacke über die Stuhllehne am Fenster.
Auf dem Esstisch lag noch immer Leons gestriger Beweis von Großzügigkeit: eine durchsichtige Packung mit getrockneten Suppenkräutern, zusammengehalten von einem kurzen Geschenkband. Ein ganz gewöhnlicher Aktionsartikel aus dem nächstgelegenen Billigladen.
Vor einem Monat hatte Stefanie, Leons Mutter, ihren fünfundsechzigsten Geburtstag gefeiert. Damals hatte ihr Sohn sich wirklich ins Zeug gelegt. Ohne seine Frau vorher einzuweihen, hatte er von ihrem gemeinsamen Sparkonto eine beachtliche Summe abgehoben und seiner Mutter feierlich einen zweiwöchigen Aufenthalt in einem Kurhotel überreicht. Mit Massagen, Anwendungen, Schlammpackungen und besserer Verpflegung.
Emma hatte damals geschwiegen.
Schließlich war Stefanie seine Mutter. Sie war nicht mehr jung, ihr Blutdruck spielte verrückt, die Gelenke schmerzten ständig. Außerdem hatte Leon felsenfest versprochen, das Geld bis Jahresende aus seinen Quartalsprämien wieder auf das Konto zurückzulegen. Alles, bis auf den letzten Cent.
Am Vortag nun hatte Johannas Jubiläum stattgefunden, der Geburtstag von Emmas Mutter. Auch sie war fünfundsechzig geworden.
Leon war deutlich zu spät zur Feier erschienen. Im Flur hatte er sich absichtlich laut ausgezogen und anschließend mit großer Geste genau jenes Set aus getrocknetem Dill und Petersilie vor seine Schwiegermutter gestellt.
Nicht einmal in eine Tüte hatte er das Geschenk gepackt.
— Was für eine überwältigende Großzügigkeit, sagte Emma schneidend.
Mit dem Kinn deutete sie auf die grell bedruckte Kräuterpackung.
— Für deine Mutter eine teure Kurreise, und für meine Mutter getrocknetes Grünzeug?
— Fang bloß nicht an! fuhr Leon sie an.
Mit schweren Schritten stapfte er in die Küche, riss den Kühlschrank auf, ließ den Blick flüchtig über die Fächer gleiten und knallte die Tür verärgert wieder zu.
— Meine Mutter hat uns damals geholfen, als wir jung waren und jeden Euro zweimal umdrehen mussten! Darf ich mich bei ihr bedanken oder etwa nicht? Natürlich darf ich das!
— Geholfen?
Emma zog spöttisch die Augenbrauen hoch.
— Meinst du den alten, durchgesessenen Sofaklotz, den sie uns vor fünfzehn Jahren für unsere Mietwohnung gegeben hat? Nur weil sie keine Möbelpacker bezahlen wollte, die das Ding in ihr Ferienhaus schleppen?
— Sie hat uns unterstützt! wiederholte ihr Mann stur.
— Und meine Mutter hat sich zehn Jahre lang um unsere Kinder gekümmert!
Emma konnte sich nicht länger beherrschen und trat näher an den Tisch heran.
— Während du und ich Karriere gemacht und die Baufinanzierung abbezahlt haben. Sie hat die Jungen jeden Tag kostenlos von der Schule abgeholt, mit ihnen Hausaufgaben gemacht und bei ihnen gesessen, sooft sie krank waren. Nicht ein einziges Mal hat sie Geld von uns verlangt. Und für sie sollen deiner Meinung nach ein paar billige Gewürze reichen?
