Den Wecker stellte ich jeden Abend auf Viertel vor sieben. Sobald er leise zu klingeln begann, drückte ich ihn sofort aus, damit Markus nicht wach wurde, und schob mich vorsichtig aus dem Bett. Bis ins Bad bewegte ich mich beinahe auf Zehenspitzen, immer darauf bedacht, genau jene Dielen zu meiden, die besonders laut knarrten.
Ein paar Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht, etwas günstige Grundierung, die ich im Sonderangebot gekauft hatte, um die dunklen Schatten unter den Augen zu verbergen, dann einige hastige Striche mit der Bürste durchs Haar — und schon konnte ich so tun, als hätte ich wunderbar geschlafen und wäre voller Energie.
Den alten Morgenmantel mit dem kleinen Blumenmuster zog ich aus, faltete ihn ordentlich zusammen und verstaute ihn weit hinten auf dem untersten Fach des Schranks. Beim Frühstück erschien ich bereits in sauberen Haushosen und einer frischen Bluse.
Meine Mutter hatte mir schon in meiner Jugend einen einfachen Grundsatz eingeprägt: Ein Mann sollte seine Frau nicht ungepflegt, verschlafen und zerzaust sehen.
Vielleicht richtete ich deshalb seit mehr als dreißig Jahren jeden Morgen den Rücken auf, sprach mit möglichst munterer Stimme und beklagte mich nie, wenn es keinen wirklich ernsten Anlass gab.

Doch es gibt Dinge, gegen die selbst die stärksten Gewohnheiten machtlos sind.
Wenn der eigene Körper plötzlich nicht mehr gehorcht, hilft auch die ordentlichste Frisur nicht weiter.
Ich war sechsundfünfzig geworden und von einer Sache fest überzeugt: Eine Frau darf nicht für längere Zeit krank und hilflos werden. Sobald sie ans Bett gefesselt ist, beginnt ein Mann sich nach und nach zu entfernen.
Vielleicht verlässt er sie nicht sofort. Vielleicht spricht er nicht einmal von Scheidung.
Aber immer häufiger wird er Gründe finden, später nach Hause zu kommen.
Mal die Garage.
Mal alte Freunde.
Mal dringende Besorgungen.
Mal das kleine Wochenendhaus.
Und wer möchte schon jeden Tag dorthin zurückkehren, wo eine hilflose Ehefrau wartet, die gepflegt werden muss?
Wer braucht schon eine Last?
Mit Markus war ich dreiunddreißig Jahre verheiratet.
Ich kann nicht behaupten, dass unser Familienleben außergewöhnlich gewesen wäre. Es war eher ruhig, vertraut, gleichmäßig.
Wir hatten eine Dreizimmerwohnung in einem ganz normalen Wohnviertel, eine erwachsene Tochter, Theresa, die längst ausgezogen war und sich eine eigene Wohnung gemietet hatte, und ein kleines Häuschen am Stadtrand, in dem wir im Sommer Gemüse zogen und alte Möbel lagerten.
Markus arbeitete als Projektingenieur.
Ich unterrichtete viele Jahre lang Literatur an einem Berufskolleg.
Mit der Zeit hatten wir uns so sehr aneinander gewöhnt, dass wir beinahe wie Teile eines alten, zuverlässig laufenden Mechanismus wirkten: Jedes Teil kennt seinen Platz, jedes bewegt sich im gewohnten Takt, und alles funktioniert gerade deshalb, weil es sich über Jahrzehnte eingeschliffen hat.
Die Leidenschaften der Jugend lagen irgendwo weit hinter uns.
An die Stelle heftiger Auseinandersetzungen waren samstägliche Einkaufsfahrten getreten.
Abends schimpfte Markus zuverlässig vor dem Fernseher über die Nachrichtensprecher.
Und ich machte sonntags nach meinem eigenen Rezept Quarkpfannkuchen.
Ich wusste ganz genau, wie viele Löffel Zucker er in seinen Tee gab.
Er wiederum vergaß nie, dass ich den Geruch von Koriander nicht ausstehen konnte.
Wahrscheinlich hätte ich unser Leben noch lange für stabil und berechenbar gehalten, wenn nicht an einem feuchten Dienstag im November alles aus den Fugen geraten wäre.
In der Nacht hatte es gefroren, danach war der erste dünne Schnee gefallen. Auf dem Asphalt lag eine kaum sichtbare Eisschicht, und der Winterdienst war noch nicht dazu gekommen, die Gehwege zu streuen.
Ich kam von der Arbeit und trug neue Stiefel, die mir im Laden als besonders zuverlässige Winterstiefel angepriesen worden waren. Vor allem die profilierte Sohle hatte die Verkäuferin gelobt.
Diese Sohle rettete mich nicht.
Mein Fuß glitt plötzlich nach vorn weg.
Ich schaffte es nicht einmal mehr, die Hände auszustrecken.
Ein dumpfes, entsetzliches Knacken war zu hören.
Dann schoss ein so scharfer Schmerz durch meine Hüfte, dass vor meinen Augen alles weiß aufflammte.
Im nächsten Moment lag ich mitten in einer schmutzigen Mischung aus Schnee, Wasser und Streusand.
Menschen gingen an mir vorbei.
Ich sah nur Schuhe.
Dunkle Stiefel.
Graue Halbschuhe.
Eilige Schritte, die sich entfernten.
Irgendwann blieb doch jemand stehen und rief den Rettungsdienst.
Das Warten zog sich endlos hin.
Im Wagen roch es nach altem Gummi, Medikamenten, Desinfektionsmittel und Benzin. Jede Unebenheit der Straße jagte eine neue Welle von Schmerz durch mein Bein.
Dann kamen die grellen Lampen der Notaufnahme.
Fremde Stimmen.
Eine Liege auf Rollen.
Das harte Klirren metallener Instrumente.
Röntgenaufnahmen.
Der Chirurg betrachtete lange das Bild, das vor der leuchtenden Fläche befestigt war.
Schließlich sagte er knapp und trocken:
„Mehrfacher Oberschenkelhalsbruch mit Verschiebung. Mindestens ein Monat strenger Bettruhe.“
