„Ein Mann solle seine Frau nicht ungepflegt, verschlafen und zerzaust sehen“ — mahnte meine Mutter, und ich verbarg jahrelang meine Schwäche, während Andreas sich leise entfernte

Bittersüße Tapferkeit maskiert unerträgliche, ungerechte Einsamkeit.
Geschichten

Jeden Abend stellte ich den Wecker auf Viertel vor sieben. Sobald er leise zu klingeln begann, drückte ich ihn sofort aus, damit Andreas nicht wach wurde, und schob mich vorsichtig aus dem Bett. Ins Bad ging ich beinahe auf Zehenspitzen und mied dabei genau jene Dielen, von denen ich wusste, dass sie besonders laut knarrten.

Ein paar Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht, etwas günstige Grundierung aus dem Sonderangebot gegen die dunklen Schatten unter den Augen, einige hastige Striche mit dem Kamm — und schon konnte ich so tun, als hätte ich wunderbar geschlafen und wäre voller Energie.

Den alten Morgenmantel mit dem kleinen Blumenmuster zog ich aus, faltete ihn ordentlich zusammen und legte ihn weit nach hinten auf das unterste Schrankbrett. Beim Frühstück erschien ich dann bereits in sauberen Haus­hosen und einer frischen Bluse.

Meine Mutter hatte mir schon als jungem Mädchen einen einfachen Satz eingeprägt: Ein Mann solle seine Frau nicht ungepflegt, verschlafen und zerzaust sehen.

Vielleicht richtete ich deshalb mehr als dreißig Jahre lang jeden Morgen den Rücken durch, sprach möglichst munter und beklagte mich nie, solange es keinen wirklich ernsten Grund gab.

Doch es gibt Dinge, gegen die selbst die festesten Gewohnheiten machtlos sind.

Wenn der eigene Körper plötzlich nicht mehr gehorcht, hilft auch die ordentlichste Frisur nicht weiter.

Ich war sechsundfünfzig geworden und hielt an einer Überzeugung fest: Eine Frau darf sich nicht zu lange in eine Kranke verwandeln, schon gar nicht in eine Hilflose. Legt sie sich erst einmal dauerhaft nieder, beginnt ein Mann sich allmählich zu entfernen.

Vielleicht verlässt er sie nicht sofort. Vielleicht erwähnt er nicht einmal das Wort Scheidung.

Er findet nur immer häufiger Gründe, später nach Hause zu kommen.

Mal ist es die Garage.

Mal sind es Bekannte.

Mal angeblich dringende Erledigungen.

Mal das Wochenendhäuschen draußen vor der Stadt.

Und wer geht schon gern jeden Tag an einen Ort zurück, an dem eine hilflose Frau wartet, die versorgt werden muss?

Wer möchte eine Last an seiner Seite haben?

Mit Andreas war ich dreiunddreißig Jahre verheiratet.

Ich würde nicht behaupten, dass unser gemeinsames Leben außergewöhnlich gewesen wäre. Eher ruhig, vertraut, gleichmäßig.

Wir besaßen eine Dreizimmerwohnung in einem ganz normalen Wohnviertel, eine erwachsene Tochter, Emilia, die längst ausgezogen war und zur Miete wohnte, und ein kleines Häuschen im Grünen, nicht weit außerhalb.

Andreas arbeitete als Projektingenieur.

Ich unterrichtete viele Jahre Literatur an einem Berufskolleg.

Mit der Zeit hatten wir uns so sehr aneinander gewöhnt, dass wir den Teilen einer alten Maschine ähnelten, die seit Ewigkeiten läuft: Jedes Teil kennt seinen Platz, jedes bewegt sich im gewohnten Takt, und gerade weil alles längst ineinander eingelaufen ist, hält das Ganze noch zusammen.

Die Leidenschaften der Jugend lagen irgendwo weit zurück.

An die Stelle stürmischer Auseinandersetzungen waren samstägliche Einkaufsfahrten getreten.

Abends saß Andreas vor dem Fernseher und schimpfte zuverlässig über die Nachrichtensprecher.

Ich wiederum briet sonntags Quarkpfannkuchen nach meinem eigenen Rezept.

Ich wusste genau, wie viele Löffel Zucker er in seinen Tee gab.

Und er vergaß nie, dass ich den Geruch von Koriander nicht ausstehen konnte.

Wahrscheinlich hätte ich unser Leben noch lange für stabil und berechenbar gehalten, wenn nicht an einem feuchten Dienstag im November alles aus den Fugen geraten wäre.

In der Nacht hatte es gefroren, danach war die erste dünne Schneeschicht gefallen. Auf dem Asphalt lag eine kaum sichtbare Eisglasur, und die Straßenreinigung war nicht rechtzeitig dazu gekommen, die Gehwege zu streuen.

Ich kam von der Arbeit und trug neue Stiefel, die man mir im Geschäft als besonders zuverlässige Winterstiefel verkauft hatte. Vor allem die profilierte Sohle war dort ausgiebig gelobt worden.

Gerettet hat mich diese Sohle nicht.

Mein Fuß rutschte plötzlich nach vorn weg.

Nicht einmal die Hände konnte ich noch ausstrecken.

Ein dumpfes, entsetzliches Knacken war zu hören.

Dann schoss ein so scharfer Schmerz durch meine Hüfte, dass vor meinen Augen alles weiß aufleuchtete.

Im nächsten Augenblick lag ich mitten in einer schmutzigen Mischung aus Schnee, Wasser und Sand.

Menschen gingen an mir vorbei.

Ich sah nur Schuhe.

Dunkle Stiefel.

Graue Halbschuhe.

Eilige Schritte von irgendwem.

Irgendjemand blieb schließlich doch stehen und rief den Rettungsdienst.

Das Warten zog sich endlos hin.

Im Wagen roch es nach altem Gummi, Medikamenten, Alkohol und Benzin. Jedes Schlagloch auf der Straße jagte mir eine neue Welle Schmerz durch das Bein.

Dann kamen die grellen Lampen der Notaufnahme.

Fremde Stimmen.

Eine Trage.

Das scharfe Klirren von Metallinstrumenten.

Röntgenaufnahmen.

Der Chirurg betrachtete lange das Bild, das vor der leuchtenden Fläche befestigt war.

Schließlich sagte er knapp:

— Trümmerfraktur des Schenkelhalses mit Verschiebung. Mindestens ein Monat strenge Bettruhe.

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