„Clara, geh bitte vom Tor weg, du stehst allen im Weg!“ sagte Finn und kippte einen Sack Holzkohle auf das frisch gestrichene Holz der Veranda

Respektloses Eindringen fühlt sich zugleich schmerzhaft und entwürdigend.
Geschichten

„Clara, geh bitte vom Tor weg, du stehst allen im Weg! Die Leute müssen das Fleisch reintragen!“ Finn schob sich seitlich an mir vorbei, in beiden Händen einen Plastikeimer voller marinierter Grillstücke. „Hinten im Auto stehen noch drei Kisten mit Limo und Bier. Hilf Hannah doch mal, die herzuschleppen.“

Ich blieb auf dem schmalen Weg aus gesprungenen Betonplatten stehen und starrte zu dem hölzernen Schuppen hinüber.

„Finn“, fragte ich langsam, „warum steht der Schuppen offen?“

„Offen? Was meinst du?“ Er drehte sich nicht einmal um, sondern kippte den Sack Holzkohle direkt auf den Holzbelag, den meine Großmutter eigenhändig gestrichen hatte. „Ach, das Schloss. Oskar hat es mit der Brechstange abgemacht. Wir haben die Grillroste gesucht, und du hast den Schlüssel ja in der Stadt liegen lassen.“

„Ich habe keinen Schlüssel liegen lassen. Er ist in meiner Tasche.“

„Na und?“ Finn setzte sein gewohntes breites, sorgloses Lächeln auf. „Wir haben doch gefunden, was wir brauchen. Außerdem war das Ding uralt, irgendein billiges Schloss, hing sowieso nur noch halb dran. Oskar schraubt später ein neues hin. Oder er nimmt gleich die Scharniere ab, dann muss man sich nicht jedes Mal damit herumärgern.“

Auf dem Kies knirschten die Reifen eines zweiten Wagens. Gleich darauf quoll eine ganze Schar Verwandter aus dem Auto: Finns jüngerer Bruder Oskar mit seiner Frau Lea, ihre beiden lärmenden Jungen und dazu noch ein älteres Paar in Strohhüten, das ich nie zuvor gesehen hatte. Hinter ihnen trippelte bereits meine Schwiegermutter durchs Gartentor, unter den Arm einen in Plastik gewickelten Packen geklemmt.

„Clärchen, hallo, mein Schatz!“ Hannah hauchte mir einen schmatzenden Kuss neben die Wange. „Wir haben euch eine Überraschung mitgebracht! Zwölf Leute sind wir geworden, genau wie Finn es wollte. Und dieses Wetter, ein Segen! Oskar, bring die Tüten auf die Veranda. Die Schuhe kannst du anlassen, da muss nachher ohnehin durchgewischt werden.“

„Hannah, wir hatten doch besprochen, dass Finn und ich allein herkommen“, sagte ich leise. „Ich wollte nach dem Frost die Beete in Ordnung bringen und Großmutters Hortensien düngen.“

Meine Schwiegermutter schlug die rundlichen Hände zusammen und wiegte missbilligend den Kopf.

„Ach, immer diese Hortensien, um Himmels willen! Ein Stück Erde soll Menschen satt machen und ihnen Freude bringen, nicht mit solchen Riesenblättern verwildern. Warum, glaubst du, haben wir die Familie zusammengetrommelt? Damit wir alles vernünftig und unter uns besprechen. Finn, wo ist der Tisch? Wieso liegt noch keine Tischdecke drauf?“

Finn stieß mit dem Fuß einen dicken gelben Gartenschlauch beiseite, der in Ringen neben dem Metallhahn lag. Am Ende schlug die alte Messingbrause dumpf gegen einen Ziegelstein; sie war schwer, mit geriffeltem Griff, und stammte noch von meinem Großvater.

„Clara, warum stehst du da wie angewurzelt?“ Mein Mann zupfte mich am Ärmel meiner Strickjacke. „Geh und wasch die Gurken, der Eimer steht dort drüben. Und hol Gläser. Aber bitte die ordentlichen aus dem Schrank.“

„Der Schrank ist abgeschlossen“, erinnerte ich ihn.

„Ach was, den Schlüssel hat sie doch“, lachte Oskar, der gerade näherkam und sich die ölverschmierten Finger an seiner Trainingshose abwischte. „Deine Oma hat wirklich alles weggeschlossen, als läge darin ein Staatsschatz. Wir haben die Scheibe schon mit dem Nageleisen gelöst und alles rausgeholt. Ist brauchbares Geschirr, altes DDR-Kristall, das hält schon was aus.“

Ich ging ein paar Schritte zum Haus. Auf der Veranda lagen der herausgerissene Metallbügel des Vorhängeschlosses und frische Holzsplitter vom Türrahmen.

„Warum habt ihr das gemacht?“ fragte ich und sah Finn direkt ins Gesicht.

„Clärchen, es ist doch ein Fest“, sagte er, legte mir den Arm um die Schultern, und diese Berührung kam mir plötzlich fremd und klebrig vor. „Wir geben uns Mühe für alle. Du bist doch meine gute, tüchtige Frau. Fang jetzt nicht mit so einer sauertöpfischen Miene an. Geh lieber zu den Gästen.“

Fremde Herrschaften auf Großmutters Veranda

In der Küche hing der Geruch von angebrannten Zwiebeln und kaltem Tabak. Lea, Oskars Frau, hatte sich bereits am Herd breitgemacht und Großmutters kupfernen Marmeladentopf bis an den äußersten Rand des wackligen Unterschranks geschoben.

„Clara, reich mir mal ein Handtuch“, warf sie über die Schulter, ohne den Kopf zu wenden. „Und gib mir ein vernünftiges Messer. Bei deiner Oma liegen ja nur stumpfgeschliffene Krücken herum. Wie hat sie damit überhaupt etwas schneiden können?“

„Das sind Großmutters Küchenmesser“, sagte ich und reichte ihr stattdessen ein Holzbrett. „Sie hat sie immer selbst auf dem Schleifstein abgezogen.“

„Dann hat sie sich eben unnötig geplagt“, schnaubte Lea. „Heutzutage bekommt man in jedem Laden für ein paar Euro ein ganzes Set. Oskar, trag die Kisten rein!“

Hannah schwebte hinter ihr in die Küche und begann, den mitgebrachten Plastikpacken auseinanderzufalten. Zum Vorschein kamen grell rosafarbene Kunstfaser-Gardinen mit Fransen.

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