Helena Ludwig betrat die gemietete Einzimmerwohnung der beiden zum ersten Mal mit der Miene einer Vorgesetzten, die die Arbeit unfähiger Mitarbeiter abnehmen soll. Sie strich mit dem Finger über die Kante eines Regals, betrachtete erst den Staub daran und dann Louisa Roth. Ihr Lächeln geriet schief und sauer, wie eine unreife Pflaume.
„Na, ihr habt es euch ja eingerichtet“, sagte sie. „Die Tapeten gehören euch nicht, das Sofa nicht, das Geschirr auch nicht. Sehr bequem.“
„Dafür ist das Gewissen unser eigenes“, erwiderte Louisa. „Das war im Grundpaket enthalten, ohne Aufpreis.“
Aus dem Flur war Felix Krügers Lachen zu hören. Seine Mutter fuhr herum, als hätte jemand eine Falle zuschnappen lassen. Ihr Blick war kurz und bissig. Felix verschluckte das Lachen, doch in seinen Augen blieb der Schalk.
„Ich habe es euch von Anfang an gesagt“, begann Helena Ludwig und setzte sich auf die äußerste Sofakante, den Mantel noch an. „Kaum mit dem Studium fertig, schon verheiratet, aber nichts in der Hand. Keine Wohnung, kein Geld, keinen Verstand. Romantik auf einer geliehenen Matratze.“

„Die Matratze ist übrigens orthopädisch“, bemerkte Louisa trocken. „Sie ist hier die Einzige, die konsequent Rückgrat zeigt.“
Felix hatte ihr damals eine andere Lösung vorgeschlagen. Für die ersten Monate hätten sie bei seiner Mutter wohnen können, in jener Zweizimmerwohnung, vor deren Fenstern seit Jahren ein alter Wagen stand, noch aus der Zeit, als sein Vater die Familie verlassen hatte. Louisa hatte sofort abgelehnt. Ruhig, bestimmt, ohne Drama und ohne Türenknallen.
„Felix, wenn wir uns erst in ihrer Wohnung einnisten, kommen wir da bis zur Rente nicht mehr heraus“, hatte sie gesagt. „Schwierigkeiten sind kein Fluch. Sie sind ein Trainingsgerät. Muskeln wachsen nur, wenn Widerstand da ist.“
„Weißt du überhaupt, wie viel die Miete auffressen wird?“
„Ja. Genau deshalb werden wir beide schneller wachsen müssen als diese Miete.“
Er hatte nur widerwillig zugestimmt, als unterschriebe er einen Vertrag, der ihm nicht passte. Seine Mutter dagegen war beinahe unverschämt erleichtert gewesen: Die Schwiegertochter würde nicht über ihr Parkett laufen und nicht ihren Kühlschrank öffnen. Sie rief sogar an, um ihnen zur Selbstständigkeit zu gratulieren, und in ihrer Stimme klirrte die Erleichterung.
Nun saß sie also auf einem fremden Sofa und erklärte ihnen, wie man richtig zu leben hatte.
„Kinder schafft ihr euch bloß nicht an“, sagte sie. „Hörst du, Louisa? Dafür ist jetzt nicht die Zeit. Denk nicht einmal daran.“
Louisa stellte die Vase, die sie gerade in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch und sah ihre Schwiegermutter gelassen an.
„Dann bitte der Reihe nach. Gibt es dazu auch Gründe, oder ist das wie beim Wetterbericht: Man soll es einfach glauben?“
„Gründe?“ Helena Ludwig richtete sich empört auf. „Wer soll euch denn helfen? Wer? Ich etwa? Auf wessen Schultern wollt ihr euch setzen? Windeln, Kinderwagen, Ärzte! Ihr schafft es ja kaum, euch selbst über Wasser zu halten!“
„Sie werden staunen, aber ein Kind hat in der Regel eine Mutter und einen Vater. Eine Großmutter ist eine nette Ergänzung, keine tragende Wand.“
„Wie klug du bist!“
„Ich gebe mir Mühe. Das ist nicht geerbt, das habe ich mir erarbeitet.“
Felix trat ins Zimmer.
„Mama, es reicht. Wir entscheiden selbst, wann wir was tun.“
„Du solltest überhaupt erst einmal anfangen, mit deinem eigenen Kopf zu denken!“, schnitt sie ihm so scharf das Wort ab, dass er mitten im Satz verstummte. „Einmal hast du schon gedacht und geheiratet. Genug Heldentaten.“
Von seiner Schwester erfuhr Louisa erst später mehr. Emma Schmitt war seit zehn Jahren verheiratet, zahlte mit ihrem Mann einen Immobilienkredit ab und hatte keine Kinder. Felix erwähnte irgendwann beiläufig, seine Mutter habe auch dort Druck gemacht: Erst müsse man fest im Leben stehen, erst dann dürfe man an Nachwuchs denken.
„Moment“, hatte Louisa damals irritiert gesagt. „Emma hat einen Mann und eine eigene Wohnung. Was hat deine Mutter damit überhaupt zu tun?“
„Louisa, misch dich nicht in fremde Angelegenheiten. Die sollen das selbst klären.“
„Ich mische mich nicht ein. Ich stelle nur fest, dass dort längst eine fremde Nase eingezogen ist und sogar einen festen Wohnsitz hat.“
Felix lernte in jenen Tagen den Umgang mit einer neuen Maschine; schon ihr Bedienpult wirkte wie der Eingang in eine eigene technische Welt.
