Ich ließ mich nicht zu einer Schlägerei hinreißen. Auch Tränen gönnte ich ihnen nicht. Stattdessen zog ich eine Papierserviette aus meiner Handtasche und wischte mir langsam, gründlich und ohne Hast die Spucke von der Wange.
Dann erhob ich mich, nahm mein Handy vom Tisch und ging hinaus an die frische Luft, auf die Terrasse, die zum Teich hinüberführte.
Die große Uhr an der Fassade des Restaurants zeigte 22:15 Uhr.
Ich öffnete das mobile Administrationspanel. Meine Finger blieben vollkommen ruhig.
Erster Befehl: Routingdienst anhalten.
Zweiter Befehl: Sicherheitszertifikate widerrufen.
Dritter Befehl: Datenbanken vom Hauptserver entfernen.
Vierter Befehl: Backup-Kanal sperren.
Rote Zeilen jagten über das Display. Der private Server, dessen Miete ich seit Monaten aus eigener Tasche bezahlte — rund 400 € monatlich — kappte die Verbindung zum Logistikterminal von „Nord-Logistik“.
Ich steckte das Telefon ein und blickte auf die dunkle Wasserfläche.
Exakt zwölf Minuten vergingen.
Dann drang aus dem Saal der erste Schrei nach draußen. Sebastians Leiter der Disposition stürzte heraus, in jeder Hand ein Telefon.
„Sebastian! Alles steht! Die Navigation ist weg! Vierzig Lkw hängen auf der A3 fest, die Schranken am Verteilzentrum in Duisburg öffnen nicht mehr! Der Server meldet: ‚Autorisierungsfehler. Zugriff verweigert.‘“
Zehn Minuten später klingelte Sebastians privates Handy. Am anderen Ende war der Geschäftsführer einer bundesweiten Handelskette — ihr wichtigster Kunde.
„Sebastian, haben Sie den Verstand verloren?!“, brüllte der Mann so laut, dass man ihn trotz geschlossener Terrassentür hören konnte. „Bei uns stehen vierzig Tonnen verderbliche Ware vor dem Gelände! Unser Warenausgang erkennt Ihre Frachtpapiere nicht! Wenn das System in fünfzehn Minuten nicht läuft, kündigen wir den Vertrag und stellen Ihnen 120.000 € Vertragsstrafe in Rechnung!“
Um 22:48 Uhr — genau dreiunddreißig Minuten nachdem Lena mir ins Gesicht gespuckt hatte — schoss Sebastian auf die Terrasse. Seine Haut hatte einen fahlen, grünlichen Ton angenommen, die Krawatte hing schief. Hinter ihm hetzte Elias her, und zuletzt kam Lena, deren Knie vor Angst beinahe nachgaben.
„Sophie!“, rief Sebastian und packte mich am Ärmel. „Sophie, was ist mit dem Server los? Ruf deine Leute an, mach irgendwas! Wir gehen unter! Alles bricht zusammen!“
Ich löste seine Finger sorgfältig von meinem Stoff.
„Es gibt keine Leute, Sebastian. Der Server gehörte mir. Die Software stammte von mir. Das Hosting lief auf meinen Namen. Ich habe lediglich mein privates Projekt beendet.“
„Du… du bist doch wahnsinnig!“, fuhr Elias mich an. „Schalte es sofort wieder ein! Begreifst du nicht, dass Sebastian ruiniert ist?“
Ich sah ihn ruhig an.
„Eine Familie hilft einander doch ohne Rechnungen“, zitierte ich Lenas eigene Worte. „Und mich habt ihr ja nur aus Mitleid geduldet. Wozu braucht ihr also ein kostenloses Programm aus dem Internet von einer mittellosen Frau ohne Mitgift? Beauftragt Profis. Für 30.000 € bekommen sie das bestimmt in zwei Monaten wieder hin.“
Sebastian drehte sich zu Lena um. Seine Augen wirkten plötzlich blutunterlaufen.
„Du warst das…“, presste er hervor. „Du elendes Miststück hast sie beleidigt? Du hast ihr die Schlüssel weggenommen?“
„Sebastian, ich… ich wusste doch nicht…“, stammelte Lena. Zum ersten Mal in ihrem Leben schrumpfte sie vor jemandem zusammen und wich rückwärts zur Wand. „Ich dachte, sie ist nur irgendeine Administratorin…“
„Kriech zu ihr!“, brüllte Sebastian so heftig, dass auf der Terrasse die Gläser klirrten. „Auf die Knie und entschuldige dich! Sofort! Wenn sie die Software in zwei Minuten nicht wieder hochfährt, werfe ich dich in Unterwäsche auf die Straße!“
Lena sank zitternd auf die kalten Terrassenfliesen. Es sah unbeholfen aus, fast plump. Ihr Seidenkleid wurde schmutzig, und der Saphirring an ihrer Hand schlug hart gegen den Beton.
„Sophie… vergib mir… Sophie, bitte… fahr das System wieder hoch… Sebastian landet sonst wegen der Vertragsstrafen noch im Gefängnis…“
Ich stand über ihr und sah auf sie hinab. In mir war es vollkommen still.
