„Hast du eigentlich den letzten Rest Anstand verlegt?“ schleuderte Maximilian den Schlüsselbund auf die kleine Kommode im Flur

So selbstgerecht und rücksichtslos kann Menschenverachtung sein.
Geschichten

— Mama, ich habe bereits Anzeige bei der Polizei erstattet. Außerdem habe ich die Hausverwaltung gebeten, jemanden vom Sicherheitsdienst zu schicken, damit die Wohnung bis zur Klärung der Sache versiegelt wird. Aber… ich brauche jemanden vor Ort. Sofort.

Christina nickte, obwohl Sophia sie am Telefon natürlich nicht sehen konnte.

— Ich fahre hin. Jetzt gleich.

Dann wandte sie sich Maximilian zu. Diesmal lag in ihrem Blick weder Vorwurf noch offene Wut. Da war nur noch eine schneidende, eisige Nüchternheit.

— Und du kommst mit. Denn falls sich herausstellt, dass du in irgendeiner Weise etwas damit zu tun hast…

Maximilian riss abwehrend die Hände hoch.

— Ich habe nichts genommen! Ich schwöre es dir!

Doch Christina hörte ihm schon nicht mehr zu. Sie griff nach dem Autoschlüssel, zog hastig ihre Jacke über und verließ die Wohnung. Hinter sich ließ sie Geschrei, Rechtfertigungen und dieses jahrelange Theater zurück, das immer unter dem bequemen Satz versteckt worden war: Wir sind doch eine Familie.

Im Treppenhaus holte Karoline sie ein. Von der strengen, herrischen Schwiegermutter war in diesem Moment kaum etwas übrig. Vor Christina stand nur noch eine alte, erschöpfte Frau, der die Fassade aus dem Gesicht gefallen war.

— Christina… warte doch. Vielleicht hast du das alles falsch verstanden…

Christina blieb stehen.

— Karoline, ich habe alles verstanden. Sehr genau sogar. Früher habe ich nur versucht, höflich zu bleiben. Aber dafür habe ich jetzt keine Kraft mehr. Jemand ist in die Wohnung meiner Tochter eingedrungen. Und ich werde herausfinden, wer es war.

Karoline öffnete den Mund, als wollte sie noch etwas erwidern, doch Christina wandte sich bereits ab und ging die Stufen hinunter. Mit jeder Treppenstufe löste sich in ihr ein weiteres Stück der alten Illusion, diese Familie könne man noch irgendwie zusammenhalten, wenn man nur lange genug nachgab.

Im Auto saß Maximilian neben ihr, zusammengekauert, als könne er sich durch bloßes Schweigen unsichtbar machen. Mehrmals setzte er an, etwas zu sagen. Jedes Mal klappte er den Mund wieder zu, weil ihm offenbar keine Worte einfielen, die nicht falsch geklungen hätten.

— Lass es, — sagte Christina leise, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. — Wenn du wirklich nichts damit zu tun hast, dann hilf mir jetzt einfach. Und wenn du doch etwas damit zu tun hast… dann ist Schweigen erst recht besser.

Sie fuhren schweigend durch die Stadt. Nur das gedämpfte Rauschen des Verkehrs und das gelegentliche Piepen des Navigationsgeräts durchbrachen die angespannte Stille. Als sie vor dem Haus ankamen, stand bereits ein Streifenwagen am Eingang. Daneben trat ein junger Kontaktbeamter nervös von einem Fuß auf den anderen. Neben ihm wartete eine Frau in der Uniformjacke der Hausverwaltung.

Christina stieg aus, und sofort hatte sie das Gefühl, die Luft um sie herum sei schwerer geworden. Als hätte das Haus selbst begriffen, dass hier etwas Unheilvolles geschehen war.

Der Beamte kam ihnen entgegen und blätterte in seinem Notizbuch.

— Sind Sie Angehörige der Eigentümerin?

— Ihre Mutter, — antwortete Christina knapp.

— Ihr Vater, — fügte Maximilian hastig hinzu, fast so, als fürchte er, sonst übersehen zu werden.

Die Frau von der Hausverwaltung nickte ernst.

— Wir waren schon oben und haben uns die Wohnung angesehen. Es gibt tatsächlich Spuren. Der Wasserhahn tropft, offenbar hat jemand Wasser benutzt. Aber das Seltsamste ist… — Sie senkte die Stimme, als könnten die Wände mithören. — Im Kleiderschrank im Schlafzimmer wurde herumgewühlt. Kleidung liegt verstreut auf dem Boden. Und dort war eine Mappe mit Unterlagen. Auch die wurde offenbar angefasst.

Christina spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.

— Was für Unterlagen?

— Zur Wohnung. Und noch andere Papiere. Ich habe nichts davon angerührt.

Für einen Augenblick schloss Christina die Augen, um sich zu sammeln.

— Zeigen Sie es mir.

Als sie die Wohnung betraten, sah Christina die Hinweise sofort. Auf dem Boden lagen schwache, schmutzige Abdrücke, kaum sichtbar, aber deutlich genug, um ihren Weg vom Flur bis ins Schlafzimmer nachzuzeichnen. Die Schranktür stand tatsächlich einen Spalt offen. Kleidungsstücke lagen auf dem Boden, nicht wahllos herausgerissen, sondern so, als habe jemand gezielt nach etwas gesucht.

Die Dokumentenmappe lag auf dem Tisch, leicht schief, als wäre sie in Eile dort hingeworfen worden. Christina öffnete sie vorsichtig. Alles schien noch vorhanden zu sein, doch die Ordnung stimmte nicht mehr. Die Blätter lagen anders als sonst. Jemand hatte sie durchgesehen.

Maximilian blieb im Türrahmen stehen. Er war blass, die Hände zu Fäusten geballt.

— Das war ich nicht, — flüsterte er, als könnte ihn irgendjemand der Anwesenden sonst sofort beschuldigen.

Christina antwortete nicht. Sie ging zum Fenster und blickte hinunter in den Hof. Dort stand ein Wagen, den sie kannte: eine dunkle Limousine, die ihr in den vergangenen Wochen schon mehrmals vor dem Haus aufgefallen war, ohne dass sie ihr besondere Bedeutung beigemessen hatte. Das Auto gehörte Helenas Bruder, Leon. Er tauchte selten in ihrem Leben auf, aber auffällig oft genau dann, wenn irgendwo etwas aus dem Ruder lief.

Langsam drehte Christina sich zu dem Beamten um.

— Gibt es Aufzeichnungen von den Überwachungskameras?

Er nickte.

— Wir haben sie bereits angefordert. Innerhalb der nächsten Stunde sollten sie da sein.

Christina sah Maximilian an.

— Ruf Helena an. Jetzt. Frag sie, wo sie ist. Und frag sie gleich mit, ob sie weiß, wo die Schlüssel zu dieser Wohnung sind.

Maximilian zog sein Handy hervor. Seine Finger zitterten so stark, dass er sich beim ersten Versuch vertippte. Schließlich wählte er die Nummer, hielt das Telefon ans Ohr und erstarrte.

Nach einigen Sekunden ließ er das Gerät langsam sinken.

— Es klingelt… aber sie geht nicht ran.

Christina trat näher an ihn heran. Ihre Stimme blieb leise, doch jedes Wort war hart wie Stein.

— Dann warten wir. Und sobald sie auftaucht, werden wir alles klären.

In diesem Moment vibrierte Christinas Telefon erneut. Sophia rief an.

— Mama… — Die Stimme ihrer Tochter bebte, aber unter dem Zittern lag Entschlossenheit. — Mir ist gerade etwas eingefallen. Als ich weggefahren bin, habe ich die Ersatzschlüssel nicht in die Kommode gelegt. Ich habe sie Paula gegeben, der Nachbarin von unten. Nur für den Notfall.

Christina hatte für einen Moment das Gefühl, der Boden unter ihren Füßen gebe nach.

— Warum?

— Sie wollte die Blumen gießen. Und sie meinte, falls irgendetwas sei, würde sie ein Auge auf die Wohnung haben. Ich dachte, das sei sicher…

Christina presste kurz die Lider zusammen. Plötzlich fügten sich die Dinge auf eine unangenehme Weise zusammen. Paula war keine schlechte Frau. Im Gegenteil, sie war warmherzig, hilfsbereit und viel zu gutgläubig. Wenn jemand sie mit großen Augen gebeten hatte, die Schlüssel „nur für fünf Minuten“ herauszugeben, angeblich um schnell eine Kiste abzustellen, dann hatte sie es womöglich getan.

Christina wandte sich um und sah Maximilian an. In seinem Blick stand eine stumme Frage.

— Wir müssen mit Paula reden, — sagte sie und griff bereits wieder nach dem Autoschlüssel. — Sofort.

Als sie die Wohnung verließen, wurde Christina mit erschreckender Klarheit eines bewusst: Diese Geschichte war nicht vorbei. Sie hatte gerade erst begonnen. Und ihr Ende würde so ausfallen, dass sich keiner von ihnen länger hinter der bequemen Behauptung verstecken konnte, es sei doch nichts passiert.

Paula öffnete die Tür mit einem Putzlappen in der Hand. Offenbar hatte sie gerade Staub wischen wollen, doch beim Anblick von Christina und Maximilian blieb ihre Hand mitten in der Bewegung in der Luft stehen. Über ihr Gesicht huschte etwas, das gleichzeitig wie Schreck und wie ein schuldbewusstes Lächeln aussah.

— Christina… Maximilian… Ich wollte sowieso zu euch kommen, wirklich. Ich dachte schon, ich müsste mal mit euch reden… — Ihre Stimme brach leicht weg, und sie senkte langsam den Lappen. — Kommt rein, kommt rein. Bleibt doch nicht draußen stehen.

Christina hatte keine Geduld mehr für Höflichkeiten.

— Paula, wir müssen jetzt die Wahrheit wissen. Nicht später, nicht ungefähr, sondern sofort. Es geht um die Schlüssel zu Sophias Wohnung.

Paula wurde blass. Ihre sonst so geschäftige, flatterhafte Lebendigkeit verschwand, als hätte jemand sie mit einem einzigen Satz ausgelöscht. Langsam trat sie in den Flur zurück und ließ die beiden hinein. In der Wohnung roch es nach Vanille und altem Holz, nach Wärme, nach einem Zuhause, in dem sonst alles harmlos und vertraut wirkte. Doch in diesem Augenblick empfand Christina diesen Duft beinahe als feindselig, weil sich hinter dieser Gemütlichkeit offenbar eine Lüge verborgen hatte.

Sie gingen in die Küche. Maximilian ließ sich auf einen Hocker sinken, als trügen ihn die Beine nicht mehr. Paula stand am Tisch und knetete nervös den Rand ihrer Schürze zwischen den Fingern.

— Ich wollte doch nichts Böses, ehrlich nicht… — begann sie und starrte in eine Ecke, nur um Christinas Blick nicht begegnen zu müssen. — Helena kam zu mir. Sie war völlig aufgelöst, richtig verheult. Sie sagte: „Paula, bitte, nur für eine Nacht. Ich setze mich auch in den Flur, wenn es sein muss. Man wirft mich raus, der Vermieter ist mit der Polizei gekommen…“ Und da dachte ich… Sophia ist doch nicht da, die Wohnung steht leer, und bevor jemand auf der Straße sitzt… Also habe ich ihr die Schlüssel gegeben. Nur für ein paar Tage, wirklich!

Christina spürte, wie sich in ihr alles zusammenzog. Es war nicht einmal reine Wut. Es war eine bittere, stachelige Erschöpfung, die tiefer saß als jeder Zorn.

— Und dir ist nicht in den Sinn gekommen, dass das nicht deine Entscheidung ist? Dass diese Wohnung Sophia gehört und kein allgemeiner Notfallfonds für Menschen ist, die plötzlich ein Problem haben?

Paula hob den Kopf. In ihren Augen standen Tränen.

— Ich habe doch nicht im Traum daran gedacht, dass daraus so etwas werden könnte.

LebensKlüber