„Hast du eigentlich den letzten Rest Anstand verlegt?“ schleuderte Maximilian den Schlüsselbund auf die kleine Kommode im Flur

So selbstgerecht und rücksichtslos kann Menschenverachtung sein.
Geschichten

— Hast du eigentlich den letzten Rest Anstand verlegt? — Maximilian schleuderte den Schlüsselbund auf die kleine Kommode im Flur. Er traf die Kante, rutschte ab und landete mit einem hässlichen Scheppern auf dem Parkett. Dieses metallische Klirren war in unserem Haushalt längst so etwas wie ein Alarmsignal geworden: Christina, geh in Deckung.

— Helena hat schon wieder irgendwo übernachtet, in so einer billigen Unterkunft, fast wie in einem Wohnheim, kannst du dir das vorstellen? — Er sagte nicht einmal guten Morgen. Er fiel direkt über mich her, als hätte ich persönlich für sie ein Bett mit durchgelegener Matratze und Ungeziefer reserviert. Seine Stimme dröhnte schwer durch die Küche, getränkt mit jener selbstgerechten Empörung, die er für moralische Größe hielt.

— Und was genau soll ich jetzt damit zu tun haben? Von mir aus kann sie auch am Bahnhof schlafen, — antwortete ich ruhig und rührte weiter den Zucker in meinem Tee um, ohne mich umzudrehen. — Sie ist zweiunddreißig. Kein Schulkind mehr. Ihre Entscheidungen trifft sie selbst.

— Sie hat schlicht keinen Ort, an den sie gehen kann! — fuhr er hoch. Seine Hand schoss durch die Luft, dabei streifte er den Kalender an der Wand, der kläglich hin und her schwang. — Sophias Wohnung steht leer! Einfach so! Wozu soll dieser Wohnraum ungenutzt herumstehen? Damit die Wände warm bleiben?

Langsam drehte ich mich zu ihm um. Da war es also wieder. Die nächste Morgenrunde in dem Spiel, bei dem Maximilian versuchte, mit seinem Dickschädel meine Grenzen einzurammen.

— Die Wohnung, — ich ließ das Wort einen Moment in der Luft hängen und sah ihm direkt zwischen die Augen, — gehört Sophia. Begreifst du das Wort „Sophias“ überhaupt? Sie ist keine Sozialwohnung, kein gemeinsames Familienvermögen und schon gar nicht deine Reservefläche. Sie ist Eigentum meiner Tochter.

Er verdrehte die Augen, als müsste er sich zum dritten Mal von mir erklären lassen, dass zwei mal zwei vier ergibt.

— Sophia fährt doch sowieso ständig nach Deutschland! Bald bleibt sie bestimmt ganz dort. Wozu braucht sie diesen Klotz am Bein? Ihre Tante könnte dort wohnen. Es geht hier um Familie, um Blut!

— Blut, sagst du? — Ich stellte die Tasse ab und verschränkte die Arme vor der Brust. — Als du deinem Sohn aus erster Ehe das Geld für die Sportschule verweigert hast, hast du dich da auch an das heilige Blut erinnert? Oder funktioniert dein Familiensinn nur nach Laune, wie ein Kreislauf mit Wackelkontakt?

Maximilian erstarrte mitten im Einatmen. In seinen Augen flackerte etwas Dunkles auf, etwas wie Wetterleuchten vor einem Gewitter. Dann biss er sich auf die Lippe. Ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass gleich ein Ausbruch bevorstand.

— Du machst das mit Absicht, nicht wahr? — Seine Mundwinkel verzogen sich, aber es war kein Lächeln. Eher das Fletschen eines in die Ecke gedrängten Tieres. — Du warst von Anfang an so. Kalt. Unnachgiebig. Sophia ist ganz nach dir geraten. Genauso hart, genauso unberührbar.

— Nach mir geraten? — Ich hob die Augenbrauen. — Du meinst selbstständig, gut ausgebildet, mit Verstand und eigener Wohnung? Vielen Dank für das Kompliment.

— Du verspottest mich! — Seine Stimme kippte beinahe ins Schrille. — Ein Mensch steckt in einer Katastrophe, sie weiß nicht, wo sie schlafen soll!

— Helena ist eine erwachsene, gesunde Frau, — sagte ich und zuckte mit den Schultern. — Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, nicht immer nach einem Sponsor mit Wohnung zu suchen, sondern irgendeinen Beruf ernsthaft auszuüben. Sie kann an die Kasse gehen. Oder Pakete ausfahren. Irgendetwas.

— Du erniedrigst einen Menschen, der zu mir gehört! — Maximilian trat so dicht an mich heran, dass mir sein süßlicher, billiger Duft in die Nase stieg. Von diesem Aftershave bekam ich jedes Mal ein Kratzen im Hals. — Sie ist einfach nur in eine Pechsträhne geraten.

— Ach ja? Und ich verbringe mein Leben offenbar im Wellnesshotel? — Ich wich nicht zurück, obwohl mir danach war. — Ich arbeite in zwei Jobs, halte diesen Haushalt zusammen, bezahle den Kredit für dein Auto mit, und das alles, damit deine Schwester hier einzieht, die noch nicht einmal ein gemietetes Zimmer halten konnte, weil überall Schulden und Streit hinter ihr herlaufen?

— Christina, übertreib nicht! — Er schlug mit der flachen Hand auf die Arbeitsplatte, so heftig, dass die Zuckerdose hüpfte. — Die Wohnung liegt ohnehin nutzlos brach.

— Dann liegt sie eben brach, — sagte ich langsam und deutlich, jedes Wort scharf wie eine Münze auf den Tisch gelegt. — Sophia entscheidet darüber. Wenn sie will, verkauft sie sie. Wenn sie will, macht sie ein Privatmuseum daraus. Und wenn sie niemanden hineinlässt, ist auch das ihr gutes Recht.

— Sie ist im Ausland! — Seine Stimme schnellte bis zur Decke. — Und du wirst ihr jetzt den Kopf verdrehen, ihr irgendwelche Schauergeschichten erzählen, und dann stellt sie sich quer!

— Oh, wie spannend, — ich lachte theatralisch auf. — Erzähl mir doch bitte genauer, wie ich per Skype eine erwachsene Frau in Berlin fernsteuere. Vielleicht sollte ich nebenbei noch den Eurokurs regulieren? Oder gleich das Wetter in ganz Europa?

Er trat wütend gegen das Bein meines Lieblingssessels. Ich zuckte zusammen. Nicht vor Angst, sondern vor Zorn, denn der Sessel war alt, ein Bein wackelte, und ich behandelte ihn vorsichtiger als manche Menschen ihre Verwandten.

— Du hast kein Herz, — presste er hervor. — Ich muss helfen. Das ist meine Pflicht.

— Dann hilf, — ich breitete die Hände aus, als würde ich ihm eine Bühne überlassen. — Miete ihr ein kleines Apartment am Stadtrand. Kauf ihr ein Zimmer in irgendeinem einfachen Wohnheim. Oder lass sie in deine Junggesellenhöhle ziehen, bis die Scheidung durch ist. Aber zieh meine Tochter nicht in deine sogenannten Pflichten hinein.

Für einige Sekunden hing eine klirrende Stille zwischen uns. Dann griff er nach meiner Tasse, trank einen Schluck, ohne hinzusehen, verzog das Gesicht, weil der Tee längst kalt war, und knallte sie zurück auf den Tisch. Eine braune Pfütze breitete sich über die Wachstuchdecke aus.

— Du hast immer nur an dich gedacht, an deine Bequemlichkeit, — warf er mir hin, schon halb auf dem Weg zur Tür. — Und danach wunderst du dich, dass wir keine Familie sind, sondern bloß eine Zweckgemeinschaft mit getrennten Interessen.

— Familie war in dem Moment vorbei, in dem du beschlossen hast, ich sei für den Unterhalt deiner Verwandten zuständig! — rief ich seinem gekrümmten Rücken hinterher. — Du hast es nur nicht bemerkt, weil du gerade damit beschäftigt warst, fremde Quadratmeter zu verteilen!

Im Flur krachte die Tür so laut ins Schloss, dass die Scheiben im Küchenschrank leise klirrten. Ich blieb allein zurück und starrte auf den kleinen Teesee auf der Tischdecke. Seltsam: In mir kochte nichts. Stattdessen breitete sich eine ruhige, beinahe feierliche Leere aus. Als wäre ein Abszess endlich aufgeplatzt und man könne zum ersten Mal seit Langem wieder frei atmen.

Es sah ganz danach aus, als hätten wir gerade den Punkt überschritten, von dem es kein Zurück mehr gab. Jenen Punkt, an dem man eine zerbrochene Vase nicht länger zusammenklebt, sondern die Scherben schweigend in den Eimer fegt.

Mein Handy vibrierte, während ich den verschütteten Tee aufwischte. Auf dem Display erschien Sophias Foto: ein albernes Selfie mit einer Cappuccino-Tasse vor der Nase. Ich nahm den Anruf an.

— Hallo, Mama, — ihre Stimme klang munter, frisch und ein wenig hallend, als stünde sie in einer fast leeren Wohnung. — Bei uns ist schon Mittag, Daniel ist ins Büro verschwunden… Und wie ist bei euch das Wetter?

— Stürmisch, — sagte ich und ließ mich auf den Hocker sinken. Erst jetzt merkte ich, wie schwer meine Beine waren. — Dein Stiefvater hat heute Morgen eine Präsentation seines Wohltätigkeitsprojekts gehalten: „Wir nehmen Sophia ein paar Quadratmeter weg und geben sie der gescheiterten Tante.“

Am anderen Ende entstand eine Pause. Eine lange, gefüllte Pause, durch die irgendein ferner Straßenlärm sickerte. Vermutlich fuhr in Berlin gerade eine Straßenbahn vorbei.

— Ernsthaft? — fragte sie schließlich. Überraschung lag nicht in ihrer Stimme, eher müde Abscheu. — Hat er jetzt komplett den Bezug zur Realität verloren?

— Ziemlich genau das, — sagte ich und rieb mir die Nasenwurzel, während die Erschöpfung in Wellen über mich kam. — Er drückt auf die Tränendrüse. Die Wohnung stehe ja leer, und Helena müsse sich von einer Ecke zur nächsten schleppen. Am Ende bin natürlich fast ich schuld daran.

— Dann soll er ihr eben selbst etwas mieten, — erwiderte Sophia trocken. — Oder er zieht mit ihr zusammen, wenn er so ein fürsorglicher Bruder ist.

— Weißt du, — ich sah aus dem Fenster in den grauen Hof und lächelte bitter, — fremdes Eigentum tut ihm nicht weh. Es ist für ihn viel leichter, dich auszupressen, als bei sich selbst etwas lockerzumachen.

In diesem Moment tauchte Maximilian wieder in der Küchentür auf. Ein Anblick für sich: ausgeleiertes T-Shirt, zerzaustes Haar und der Blick eines erfolglosen Spions, der so tut, als sei er nur zufällig auf der Suche nach einem Glas Wasser vorbeigekommen.

— Sprichst du mit ihr? — Er deutete mit dem Kinn auf das Telefon. — Gib mir mal kurz den Hörer. Ich sage ihr ein paar freundliche Worte, ganz unter Verwandten.

— Verschwinde, — sagte ich und hielt die Hand über das Mikrofon. — Sophia, er steht hier neben mir und brennt darauf, mit dir vertraulich zu plaudern. Offenbar glaubt er, du seist leichter weichzukriegen als ich.

— Gib ihn ruhig her, — in Sophias Stimme blitzte Stahl auf. — Ich bin sogar neugierig, wie er sich da herausreden will.

Ich reichte Maximilian das Handy mit demselben Gefühl, mit dem man einem hungrigen Rottweiler einen Knochen hinwirft: Man tut es, aber die Finger zieht man lieber schnell genug weg.

— Sophi, Liebes! Hallo! — Seine Stimme wechselte augenblicklich in einen honigsüßen, öligen Tonfall. — Wie geht es dir dort? Ist dir nicht kalt? Hör mal, es gibt da eine familiäre, sehr heikle Angelegenheit… Tante Helena steckt gerade wirklich in Schwierigkeiten.

LebensKlüber