Konrad ging ins Bad. Kurz darauf rauschte die Dusche.
Andrea trat auf den Balkon hinaus, um ihre schmale Zigarette zu rauchen.
Ich ging ins Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch lag Konrads Arbeitstablet. Einen richtigen Code hatte er nie eingerichtet — nur vier Nullen. Er war viel zu überzeugt davon, dass ich mich ihm ohnehin nicht widersetzen würde.
Ich setzte mich auf die Kante des ungemachten Bettes. Meine Hände waren vollkommen ruhig.
Mit wenigen Bewegungen öffnete ich die Banking-App. Auf dem Startbildschirm erschien der Kontostand: 14.500 Euro.
Unser angeblich gemeinsames Erspartes. Das Konto lief auf Konrads Namen. Doch 8.000 Euro davon stammten aus dem Verkauf meines Autos vor drei Jahren. Weitere 3.000 Euro waren meine Jahresprämien, die Konrad mich hatte überweisen lassen — »damit das Geld sicher ist«, wie er es nannte. Den Rest hatte er von seinem Gehalt zurückgelegt, während er bei Lebensmitteln und Kleidung jeden Cent zweimal umdrehte.
Ich tippte auf »Überweisung«.
Dann gab ich die Daten meines geheimen Kontos ein, von dem er nichts wusste. Genau jenes Konto, auf das ich seit zwei Jahren Monat für Monat 30 Euro aus meinen Nachhilfestunden beiseiteschob — nur damit ich mir eines Tages Winterstiefel kaufen konnte, ohne Streit, ohne Rechtfertigung, ohne Kassenbon vorlegen zu müssen.
Überweisungsbetrag: 14.500 Euro.
Für einen Augenblick hing die App fest. Ein kleiner Kreis drehte sich auf dem Display.
Im Bad verstummte das Wasser. Konrad begann leise zu pfeifen.
Dann erschien das grüne Häkchen. Überweisung ausgeführt. Die Bank verlangte nicht einmal eine TAN.
Ich löschte die App vom Tablet und legte das Gerät wieder so auf den Nachttisch, wie ich es vorgefunden hatte.
Aus dem Schrank holte ich meine Reisetasche. Drei Pullover wanderten hinein, eine Jeans, Unterwäsche und die Mappe mit den Unterlagen zu meiner Einzimmerwohnung. Mehr brauchte ich nicht.
Im Flur blieb ich kurz stehen. Meine Jacke hing noch an der Garderobe.
Auf der kleinen Ablage unter dem Spiegel lag mein Schlüsselbund für diese Wohnung. Aus meiner Tasche zog ich den Beleg der Klinik über 48 Euro — genau der Zettel, wegen dem wir uns am Morgen gestritten hatten.
Auf die Rückseite schrieb ich mit blauem Kugelschreiber:
»Ich habe meine Abfindung mitgenommen. Viel Erfolg beim Autokauf mit deiner Mutter.«
Den Schlüssel legte ich direkt auf den Beleg. Das Metall schlug hell gegen die Glasplatte.
Dann öffnete ich die Wohnungstür. Das Schloss klickte leise hinter mir, als ich ins Treppenhaus trat und den Aufzug rief.
Ich wusste, was gleich passieren würde. In zehn Minuten würde Konrad aus dem Bad kommen. Er würde den Zettel sehen, das Tablet entsperren und begreifen, dass die gemeinsamen Rücklagen verschwunden waren. Danach würden die Anrufe beginnen, das Gebrüll, die Drohungen mit der Polizei. Aber einen Diebstahl innerhalb einer Ehe ohne Ehevertrag nachzuweisen, war beinahe aussichtslos. Es war gemeinsam erworbenes Vermögen, das er auf einem einzigen Konto gehortet hatte. Ich hatte es genommen, weil er vorhatte, mir das Einzige wegzunehmen, was noch mir gehörte.
Ich hatte dem Vater meines Kindes das Geld entzogen, meinem Mann auch das, was er selbst angespart hatte, und war gegangen — mit allem, bis zum letzten Euro. Um mich zu retten. Und das kleine Leben, das sich jetzt in mir regte.
Hätte ich ihm aus Anstand wenigstens seine Hälfte lassen müssen? Oder hatte ich jedes Recht, alles mitzunehmen, nachdem er heimlich versucht hatte, mich um meine Wohnung zu bringen?
