Man müsse ihr die Sache nur richtig verkaufen. Er werde behaupten, es sei eine Investition in unser gemeinsames Unternehmen. Von Finanzen habe sie ohnehin keine Ahnung, das werde sie schon schlucken.
Ich trat in die Küche.
Nicht einmal ein Zucken ging durch die beiden. Andrea saß an meinem Küchentisch und rührte mit meinem Löffel in ihrem Tee. Vor Konrad stand ein Teller mit den Nudeln von gestern.
»Ach, da bist du ja«, sagte meine Schwiegermutter und musterte mich langsam von oben bis unten. »Warum siehst du so kalkweiß aus? Verpulverst du wieder Konrads Geld bei irgendwelchen Ärzten?«
»Das ist mein Geld«, erwiderte ich und stellte meine Tasche auf einen Stuhl.
Konrad legte die Gabel beiseite, verschränkte die Finger ineinander und sah mich mit diesem belehrenden Gesichtsausdruck an, den er so gut beherrschte. »In einer Ehe gibt es kein ›mein‹ und ›dein‹, Luisa. Wir haben einen gemeinsamen Haushalt. Übrigens haben Mama und ich gerade darüber gesprochen.«
»Ich habe es gehört.«
Er zeigte keine Spur von Verlegenheit.
»Umso besser. Dann müssen wir nicht lange erklären. Morgen fahren wir zum Notar. Deine kleine Wohnung verliert durch die Inflation nur an Wert. Wenn wir sie jetzt verkaufen, sichern wir das Kapital. Wir müssen größer denken.«
»Wer ist ›wir‹?«, fragte ich und hielt seinem Blick stand.
»Unsere Familie natürlich«, sagte er, als sei die Antwort selbstverständlich. »Für meine Arbeit brauche ich ein repräsentatives Auto. Geschäftspartner müssen mich ernst nehmen. Den Rest stecken wir in eine größere Wohnung.«
Ich betrachtete ihn und begriff plötzlich nicht mehr, wie ich das fünf Jahre lang ausgehalten hatte. Wie ich seinen Excel-Tabellen geglaubt hatte, seinen Regeln, seiner Buchhalterei, seiner Sparsamkeit bei meinen Hygieneartikeln und sogar bei Zahnarztbesuchen.
»Diese Wohnung gehörte meiner Großmutter«, sagte ich ruhig. »Sie ist mein einziger Notausgang.«
Konrad stieß einen schweren Seufzer aus und verdrehte die Augen. Diese überhebliche Geste war sein Markenzeichen.
»Was für ein Notausgang, Luisa? Vor wem willst du denn weglaufen? Das ist Verrat an der Familie. Wenn wir zusammengehören, müssen wir einander vertrauen. Indem du dich wegen ein paar Quadratmetern Beton querstellst, zeigst du nur, dass du keine Zukunft mit mir siehst.«
»Sie ist einfach geizig«, mischte sich Andrea ein. »Klammern an ihre Bruchbude kann sie sich, aber dass ihr Mann in einer alten Karre herumfahren muss, ist ihr völlig egal.«
Für einen Moment sah ich mich selbst das Ultraschallbild aus der Tasche ziehen. Ich stellte mir vor, wie ich ihnen diesen grauen kleinen Fleck zeigte.
Und dann? Würden sie sich freuen? Nein. Konrad würde im Kopf sofort die Kosten für Geburt, Kinderwagen und alles Weitere addieren. Anschließend würde er erklären, dass ich die Wohnung nun erst recht verkaufen müsse, weil ein Kind mehr Platz brauche. Und Andrea würde persönlich darauf achten, dass die neue Wohnung auf ihren Namen lief — schließlich hätte eine Frau im Mutterschutz ihrer Meinung nach ohnehin nichts zu entscheiden. Das Kind würde zu ihrem perfekten Druckmittel werden. Sie würden mich in eine Zange nehmen, aus der ich nie wieder herauskäme.
»Gut«, sagte ich.
Konrad kniff misstrauisch die Augen zusammen.
»Was heißt gut?«
»Ich bin einverstanden.« Ich schob den Stuhl zurück. »Die Wohnung steht sowieso leer. Morgen gehen wir zum Notar. Ich stelle dir eine Generalvollmacht aus.«
Andreas Gesicht glättete sich augenblicklich. Triumphierend sah sie zu ihrem Sohn hinüber.
»Na also«, spöttelte Konrad. »Wenn du dein Gehirn einschaltest, kannst du ja doch vernünftige Entscheidungen treffen. Wärm mir Suppe auf.«
Dann wandte er sich seinem Telefon zu, als hätte ich im selben Moment aufgehört, für ihn zu existieren.
