…dass deine Frau nach der Arbeit auch noch dich mit durch den Alltag schleppen muss?
— Mama, kann ich für eine Weile bei dir unterkommen? — versuchte Philipp Otto auszuweichen. — Nur so lange, bis ich etwas Neues gefunden habe.
Andrea Gross sah ihn eine ganze Weile schweigend an. Ihr Blick war nicht mehr wütend, sondern hart und enttäuscht.
— Nein, — sagte sie schließlich klar.
— Was? — Philipp starrte sie an, als hätte er sich verhört.
— Du hast mich verstanden. Nein, — wiederholte sie unbeirrbar. — Meine Pflicht habe ich erfüllt. Ich habe dich großgezogen, versorgt, dir eine Ausbildung ermöglicht. Von jetzt an stehst du auf eigenen Beinen. Lerne kochen, waschen, aufräumen. Vielleicht begreifst du dann irgendwann, was du angerichtet hast.
— Mama, bitte! — Seine Stimme bekam einen flehenden Ton. — Ich kann das doch gar nicht!
— Dann wirst du es eben lernen, — schnitt Andrea ihm kalt das Wort ab. — Und jetzt geh. Sofort. Und komm erst wieder, wenn du verstanden hast, was Respekt bedeutet.
— Mama!
— Raus! — rief sie so laut, dass Philipp unwillkürlich zusammenzuckte. — Und den Schlüssel lässt du hier.
Gedemütigt und völlig durcheinander verließ Philipp die Wohnung seiner Mutter und schleppte sich zurück in seine eigene Mietwohnung. Unterwegs rief er mehrere Freunde an. Einige gingen nicht ans Telefon, andere drückten ihn einfach weg. Da wurde ihm zum ersten Mal mit voller Wucht klar, dass Stefanie Albrecht recht gehabt hatte: Niemand wollte sich wirklich mit seinen Problemen belasten.
Zu Hause empfing ihn Chaos. Überall lagen schmutzige Sachen, leere Verpackungen, ungewaschenes Geschirr. Auf dem Tisch fand er außerdem einen Brief des Vermieters. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass er die Wohnung innerhalb eines Monats räumen müsse — wegen wiederholter Zahlungsrückstände und Beschädigungen an der Einrichtung. Philipp ließ sich schwer auf das Sofa fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.
— Verdammt, — flüsterte er heiser. — Was habe ich nur getan?
Er versuchte noch einmal, Stefanie zu erreichen. Doch wieder meldete sich nur die Mailbox. Später erfuhr er über gemeinsame Bekannte, dass sie eine kleine Einzimmerwohnung gemietet hatte und erstaunlich gut zurechtkam. Nach einigen Wochen hörte er außerdem, dass sie jemanden kennengelernt hatte — einen Mann, der kochen konnte, der selbstverständlich beim Aufräumen half und sie nicht wie eine Haushaltshilfe behandelte, sondern wie eine gleichwertige Partnerin.
Philipp hingegen zog in ein billiges, abgelegenes Zimmer am Rand der Stadt. Abends, wenn er erschöpft dorthin zurückkehrte, wärmte er sich Fertiggerichte auf einer alten Kochplatte auf und dachte darüber nach, wie töricht er alles zerstört hatte. Nicht durch einen einzigen Fehler, sondern durch Hochmut, Bequemlichkeit und die Überzeugung, ihm stehe alles zu. Seine Mutter verzieh ihm nicht. Irgendwann nahm sie nicht einmal mehr seine Anrufe entgegen. Auch seine Freunde wandten sich nach und nach ab, als sie erfuhren, was wirklich passiert war.
— Das hast du dir selbst eingebrockt, — sagte Anton Fuchs, ein alter Kumpel, eines Tages zu ihm. — Du hattest eine anständige Frau an deiner Seite. Sie war nicht deine Bedienung, Philipp. Sie war deine Ehefrau. Und du hast sie behandelt, als müsste sie dir dienen. Jetzt lebst du eben mit den Folgen.
Am Fenster seines winzigen Zimmers stand Philipp oft lange da und blickte in den grauen Hinterhof. Erst jetzt begriff er, was er verloren hatte. Doch diese Einsicht kam zu spät. Stefanie war fort — endgültig. Mit ihr war auch die Wärme verschwunden, die sein Leben einmal gehabt hatte. Erst als er seine Wäsche in einer Plastikschüssel einweichte und abends Instantnudeln aß, verstand er, wie viel sie all die Jahre für ihn getan hatte. Und wie schäbig er es ihr gedankt hatte.
— Idiot, — murmelte er vor sich hin. — Ein verdammter Idiot.
Zur selben Zeit, in einem anderen Viertel der Stadt, stand Stefanie Albrecht mit ihrem neuen Partner Markus Vogel in der Küche. Gemeinsam bereiteten sie das Abendessen zu. Sie lachten, neckten einander und bewegten sich umeinander herum, als hätten sie schon lange denselben Rhythmus. Stefanie fühlte sich ruhig, frei und zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich glücklich.
— Weißt du was? — sagte Markus und legte von hinten die Arme um sie. — Ich bin deinem Exmann fast dankbar.
Stefanie drehte überrascht den Kopf.
— Dankbar? Wofür denn?
— Dafür, dass er so ein Trottel war und dich gehen ließ, — antwortete Markus lächelnd. — Sonst hätte ich dich vielleicht nie getroffen.
Stefanie musste lachen. Dann lehnte sie sich an seine Brust. Die Scheidung hatte wehgetan, keine Frage. Aber sie hatte ihr auch eine Tür geöffnet — in ein anderes, besseres Leben. In eines, in dem sie gesehen, geschätzt und respektiert wurde. Und dafür war all der Schmerz am Ende nicht umsonst gewesen.
An diesem Abend saß Andrea Gross bei Stefanie und Markus in der neuen Wohnung am Tisch und trank Tee. Ihre frühere Schwiegertochter hatte sie längst wie eine eigene Tochter ins Herz geschlossen. Und in Markus erkannte sie genau den Mann, den Stefanie verdient hatte: aufmerksam, freundlich, zuverlässig.
— Philipp hat angerufen, — sagte Andrea und stellte ihre Tasse ab. — Er hat gebettelt, ob ich ihn wieder bei mir wohnen lasse.
— Und? Was haben Sie ihm geantwortet? — fragte Markus.
Andrea schnaubte nur.
— Dass er sich zum Teufel scheren soll. Ich habe damals ein Kind großgezogen, keinen erwachsenen Faulpelz. Jetzt soll er gefälligst selbst den Dreck wegräumen, den er hinterlassen hat.
Alle drei lachten. Das Leben ging weiter — und es konnte schön sein. Zumindest für diejenigen, die verstanden, dass Liebe ohne Achtung nicht lange überlebt und dass auch die Arbeit des anderen Anerkennung verdient.
