„Das kommt nur von deiner Einbildung.“ Er wischte Brotkrümel in die Spüle

Diese kaltherzige Gleichgültigkeit fühlte sich unerträglich ungerecht an.
Geschichten

»Achtundvierzig Euro für eine Viertelstunde beim Arzt«, sagte Konrad und tippte mit dem Fingernagel gegen das Display, während er die Abbuchung kontrollierte. »Luisa, du hättest einfach eine Tablette nehmen können.«

»Seit drei Tagen zieht es mir im Unterbauch«, erwiderte ich und lehnte mich an die kalten Fliesen. »Die normalen Schmerzmittel bringen nichts.«

»Das kommt nur von deiner Einbildung.«

Sorgfältig wischte Konrad mit einem feuchten Schwamm die Brotkrümel vom Tisch in seine hohle Hand. Danach ließ er sie in die Spüle fallen. In unserer Wohnung folgte alles seinen festen Regeln, als gäbe es für jeden Handgriff ein unsichtbares Protokoll.

»Du hast schon wieder Geld aus unserem gemeinsamen Puffer genommen«, fuhr er mit derselben glatten Stimme fort. »Ich habe dich gebeten, alles über zehn Euro vorher mit mir abzusprechen.«

»Ich konnte kaum aus dem Bett aufstehen.«

»Beim Kassenarzt kostet ein Termin nichts. Man muss eben warten können.«

Er drückte auf den Knopf der Kaffeemaschine. Das Gerät knurrte gequält, bevor ein dünner Strahl in die Tasse lief. Auf dem Wasserfilterkrug stand ein grünlicher Belag; neue Kartuschen fand Konrad zu teuer.

»Ich habe Angst, Konrad«, sagte ich leise. »Was, wenn es etwas Ernstes ist?«

»Ernst wird es, wenn wir wegen deiner Anfälle die Kreditkarte nicht ausgleichen können.«

Er nahm einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht.

»Mach dich fertig für die Arbeit. Heute Abend kommt meine Mutter vorbei. Wir müssen über den Autokauf sprechen.«

Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Zurück blieben der Geruch von billigem Kaffee und dieses dumpfe, ziehende Pochen in meinem Bauch.

Im Ultraschallraum roch es nach Desinfektionsmittel und nach dem Talkum medizinischer Handschuhe.

»Untenherum freimachen und auf die Liege«, wies mich die Ärztin knapp an.

Ich schob die Jeans hinunter und legte mich auf die steife Papierunterlage. Kurz darauf klatschte ein eiskalter Klecks Gel auf meinen Bauch. Der Schallkopf glitt mit festem Druck über meine Haut.

»Welche Beschwerden?«, fragte die Ärztin, ohne den Blick vom schwarz-weißen Bildschirm zu nehmen.

»Ziehende Schmerzen. Morgens ist mir übel.«

Fast eine ganze Minute sagte sie nichts. Ich starrte zur Decke und betrachtete einen Riss in der weißen Farbe. Gleichzeitig rechnete ich im Kopf aus, wie viel Konrad mir von meinem nächsten Honorar als Nachhilfelehrerin für diesen Termin abziehen würde.

»Also«, sagte die Ärztin schließlich und drehte den Monitor ein Stück zu mir, »die Bänder ziehen, das ist normal. Die Fruchthöhle liegt in der Gebärmutter. Siebte Woche.«

Für einen Augenblick blieb mir die Luft weg.

»Was?«

»Sie sind schwanger«, erklärte sie sachlich. »Da, sehen Sie? Es pulsiert.«

Mit dem Stift deutete sie auf einen winzigen grauen Punkt.

»Der Herzschlag ist deutlich. Eine gewisse Spannung ist vorhanden, aber eine akute Gefahr sehe ich nicht. Möchten Sie das Kind bekommen?«

Die Frage klang trocken und alltäglich, als hätte sie mich am Empfang nach meiner Versichertennummer gefragt.

»Ja«, brachte ich heiser hervor.

»Dann können Sie sich abwischen.«

Ich knüllte das raue Papiertuch zusammen. Das Gel klebte an meinen Fingern. In meiner Brust breitete sich eine heiße, pulsierende Leere aus. Fünf Jahre Ehe lang hatte Konrad wiederholt, Kinder seien ein Luxus, den man sich nicht leisten könne. Eine »Investition mit negativer Rendite«, nannte er es.

In meiner Tasche vibrierte das Handy.

Kauf den Reis im Angebot, in den Vorratsdosen. Nur den für 1 Euro. Nicht verwechseln. — 13:14

Ich blickte auf das leuchtende Display. In mir schlug ein zweites Herz.

LebensKlüber