„Dieses Geld habe ich längst für den Festsaal ausgegeben.“ sagte Magdalena selbstzufrieden, während ihre Schwiegertochter mit dem Ersatzschlüssel erstarrt im Flur stand

Ihre selbstsüchtige Gier schmerzt wie Verrat.
Geschichten

Die endgültige Summe nannte er im selben ruhigen Ton.

Die Zahl war so hoch, dass Emilia die Gabel aus der Hand glitt. Sie fiel klirrend auf den Teller, und dieses Geräusch schnitt durch den Saal wie ein kleines, schadenfrohes Glöckchen.

— Emilia! — Magdalena fuhr in ihrer Verzweiflung zu ihrer Tochter herum. — Du hast doch Geld auf der Karte? Hilf deiner Mutter!

Emilia presste sich augenblicklich in ihren Stuhl, als wolle sie mit dem Polster verschmelzen. Von ihrer eben noch so selbstsicheren Überlegenheit blieb nichts übrig.

— Mama, woher denn? — fiepte sie kläglich. — Ich bin doch als Gast gekommen! Ich habe nur Geld fürs Taxi dabei! Außerdem zahle ich noch den Kredit für mein Handy ab, das habe ich dir doch erzählt!

Familiärer Zusammenhalt endet erstaunlich schnell genau an der Stelle, an der jemand die eigene Bankkarte zücken müsste.

Magdalena ließ den Blick hektisch durch den Raum wandern und suchte bei den Verwandten nach Unterstützung. Doch die Tanten und Onkel, die noch vor wenigen Minuten ihre Großzügigkeit gepriesen hatten, fanden plötzlich die Tischdecken, die Deckenlampen und sogar ihre eigenen Schuhbänder außergewöhnlich interessant. Niemand verspürte den geringsten Wunsch, sich an dem teuren Cognac zu beteiligen, der längst wohlig in ihren Mägen gluckerte.

— Wie könnt ihr nur… — presste Magdalena hervor und funkelte Florian an. — Das ist niederträchtig!

— Niederträchtig, Mama, — sagte Florian hart, ohne den Blick zu senken, — ist es, uns ins Gesicht zu lügen, irgendeinen angeblich zuverlässigen Bauleiter vorzuschieben, unser erspartes Geld einzustecken und es dann für Livemusik und Prunk auszugeben. Und das alles in der Hoffnung, ich würde mich vor den Verwandten schämen und am Ende diesen ganzen Zirkus bezahlen.

Thomas räusperte sich dezent.

— Bar oder mit Karte? — fragte er höflich und schob Magdalena das Kartenlesegerät hin.

Ihr blieb nichts anderes übrig.

Mit zitternden Fingern zog sie ihr Telefon hervor, öffnete die Banking-App und löste vorzeitig eines ihrer beiden Festgeldkonten auf — ausgerechnet jenes, von dem sie eigentlich die neue Kücheneinrichtung bezahlen wollte. Das Geld wurde auf ihr Kartenkonto übertragen.

Erst danach nahm sie ihre Plastikkarte aus der Geldbörse und hielt sie an das Terminal. Das Gerät piepte kurz und bestätigte die Abbuchung. Magdalenas Gesicht zeigte in diesem Moment eine so tiefe, aufrichtige Trauer, als begleite sie jeden einzelnen verlorenen Cent persönlich zu seiner Beerdigung.

Florian und ich standen auf, verabschiedeten uns höflich von den verstummten Verwandten und gingen zum Ausgang. Emilia hob nicht einmal den Kopf. Sie stocherte angestrengt mit der Gabel in einer leeren Serviette herum, als könne sie dort eine Rettung finden.

Doch damit war die Sache noch nicht erledigt.

Am nächsten Morgen rief Florian seine Mutter Punkt zehn Uhr an. Er ließ sich weder ihre Klagen über den Blutdruck noch ihre Vorwürfe über undankbare Kinder anhören.

— Mama, — sagte er mit einer Kälte in der Stimme, die keinen Widerspruch zuließ. — Das gestrige Bankett hast du bezahlt, weil es deine Entscheidung war. Jetzt erwarte ich die Rücküberweisung unseres Geldes, das du für die Fenster bekommen hast. Dein Jubiläum gab dir nicht das Recht, über unsere Ersparnisse zu verfügen.

— Aber ich habe es doch für die Anzahlung ausgegeben! — schluchzte Magdalena ins Telefon. — Ich habe nichts mehr! Ihr treibt mich noch in den Ruin!

— Ich erwarte die Überweisung bis heute Abend, — antwortete Florian ruhig. Gerade diese Ruhe machte seine Worte noch härter. — Wir haben dir das Geld für einen ganz bestimmten Zweck überwiesen. Den Kontoauszug und unseren Schriftwechsel habe ich gespeichert. Wenn du dich weigerst, es zurückzugeben, bekommst du morgen per Einschreiben eine außergerichtliche Zahlungsaufforderung wegen ungerechtfertigter Bereicherung. Danach gehe ich vor Gericht. Und dann erfahren von deinem Jubiläumstrick nicht nur Verwandte und Kellner, sondern auch Gerichtsvollzieher.

Magdalena wusste sehr genau, dass Florian keine leeren Drohungen aussprach. Wenn er etwas ankündigte, zog er es auch durch.

Die juristischen Begriffe wirkten auf sie besser als jedes Beruhigungsmittel — nur in umgekehrter Richtung. Bis zum Abend war der gesamte Betrag, bis auf den letzten Cent, wieder auf der Karte meines Mannes.

Später erfuhren wir, dass meine Schwiegermutter auch ihr zweites Konto vorzeitig hatte auflösen müssen — jenen Notgroschen, den sie immer „für den schlimmsten Fall“ zurückgelegt hatte. Dabei verlor sie sämtliche Zinsen. Das Komischste daran war: Diesen schlimmsten Fall hatte sie sich eigenhändig organisiert.

Emilia weigerte sich rundheraus, ihr zu helfen. Sie erklärte, sie habe den Kredit fürs Handy, eigene Ausgaben und überhaupt „kein Geld“. Dass sie zuvor ohne jede finanzielle Hemmung an einem glänzend dreisten Plan auf fremde Kosten mitgewirkt hatte, störte sie dabei offenbar nicht. Das Bündnis zweier Holzwürmer zerfiel krachend beim ersten Kontakt mit finanziellem Insektenspray.

Drei Wochen später waren in unserer Wohnung die neuen, schneeweißen Fenster eingebaut. Die Handwerker arbeiteten schnell, sauber und ohne Theater. Trotz des launischen Wetters draußen wurde es drinnen still, warm und beinahe unglaublich gemütlich.

Seitdem hörte Magdalena auf, uns irgendwelche Familienanschaffungen über ihre „geprüften Bekannten“ andrehen zu wollen. Auch der Kontakt zu uns beschränkte sich fortan auf Feiertage und kurze, trockene Nachrichten in einem Ton, als schreibe sie an eine Behörde.

Echte Achtung vor fremden Grenzen erwacht bei manchen Menschen offenbar erst dann, wenn sie für deren Überschreitung aus der eigenen Tasche bezahlen müssen.

Auch die Fotos von jenem unglückseligen Jubiläum zeigte sie den Verwandten später deutlich seltener, als sie es ursprünglich geplant hatte.

Auf den meisten Bildern im gedruckten Album strahlte Magdalena, hob ihr Glas und nahm die Bewunderung der anderen mit königlicher Milde entgegen. Doch das letzte Foto war besonders ausdrucksstark. Darauf saß sie vor der geöffneten schwarzen Mappe, in der einen Hand das Telefon, in der anderen die Bankkarte.

Ihr Gesicht war dabei erstarrt, als hätte man sie selbst in ein dichtes, dreifach verglastes Fenster eingemauert — allein mit dem wahren Preis ihrer eigenen Großzügigkeit. Und kein Hilferuf drang mehr hindurch.

LebensKlüber