Er stieß die Axt in den Hackklotz, als müsse er sich erst daran festhalten.
— Lena, jetzt mach doch nicht gleich so ein Drama daraus. Mama hat in manchen Dingen nicht ganz unrecht. Lukas steckt wirklich in Schwierigkeiten.
— Seit wann weißt du davon, Felix?
Er schwieg. Sein Blick blieb an der feuchten Erde vor seinen Stiefeln hängen.
— Seit dem Frühjahr, — brachte er schließlich hervor. — Mama hat es mir gesagt. Ich dachte, irgendwie wird sich das schon regeln.
Seit dem Frühjahr. Ein halbes Jahr lang hatte er neben ihr geschlafen, an ihrem Tisch gesessen, ihre Pläne mit angehört. Ein halbes Jahr lang hatte sie laut davon geträumt, wie sie später, wenn sie in Rente wären, endgültig in dieses Haus ziehen würden. Bienenstöcke hinter dem Schuppen. Kirschbäume am Zaun. Ein stiller Sommerabend auf der Veranda.
Und er hatte zugehört. Mit dem Wissen, dass es all das nicht geben würde. Dass dieses Haus ihnen längst entglitten war.
— Und du hast nichts gesagt, — sagte sie. Es klang nicht wie eine Frage.
Felix hob hilflos die Hände.
— Was hätte es denn geändert? Das war Mamas Entscheidung. Was hätte ich tun sollen?
— Mir die Wahrheit sagen. Ich bin deine Frau.
— Ach, bitte, jetzt fängt das wieder an. Lass uns die Sache nicht größer machen, als sie ist. Dann kaufen wir eben irgendwann ein eigenes Häuschen im Grünen. Ist doch kein Weltuntergang.
Lena sah ihn an, und zum ersten Mal schien sie ihn nicht durch die milde Unschärfe ihrer Gewohnheit zu betrachten. Nein, sie erkannte ihn wieder. Nur hatte sie sich früher verboten, genau hinzusehen.
Er war immer so gewesen. Wenn Brigitte vor Gästen über Lenas Essen spottete, hatte Felix mitgelächelt. Wenn seine Mutter unangekündigt auftauchte und in ihren Schränken wühlte, angeblich um „Ordnung zu schaffen“, verschwand er in die Garage. Wenn Brigitte anrief und verlangte, er solle alles stehen und liegen lassen und sofort zu ihr kommen, dann fuhr er los.
Muttersöhnchen. Dieses Wort hatte Lena sieben Jahre lang aus ihrem Kopf verbannt. Jetzt stand es plötzlich vor ihr, groß und unübersehbar.
— Ich habe verstanden, — sagte sie.
Dann ging sie ins Haus, um ihre Tasche zu packen.
— Wo willst du hin? — Felix folgte ihr.
— Zu meiner Mutter. Zurück in die Stadt.
— Lena, hör doch auf. Um diese Uhrzeit fährt kein Bus mehr.
— Dann nehme ich ein Taxi. Ich habe nämlich auch eine Mutter, Felix. Eine echte.
Brigitte trat auf die Veranda.
— Sehr gut, — sagte sie und nickte zufrieden. — Fahr nur. Schlaf eine Nacht darüber, dann siehst du die Sache klarer. Du wirst schon begreifen, dass ich recht habe.
Lena warf sich die Tasche über die Schulter. Am Gartentor drehte sie sich noch einmal um.
— Wissen Sie, was am meisten weh tut, Brigitte? Ich habe Sie wirklich einmal für so etwas wie eine zweite Mutter gehalten.
Dann zog sie das Tor hinter sich zu.
Johanna öffnete die Wohnungstür, sah ihre Tochter an und begriff alles, ohne eine einzige Frage zu stellen. So war es zwischen ihnen schon immer gewesen: Johanna brauchte keine langen Erklärungen, um zu wissen, wann etwas zerbrochen war.
— Komm rein, — sagte sie nur. — Ich setze Wasser auf.
Sie saßen später in der kleinen Küche, in der Lena aufgewachsen war. Auf dem Tisch lag noch immer die Wachstuchdecke mit den Punkten, und aus dem Schrank duftete es nach getrockneter Minze. Hier gab es keine versteckten Bedeutungen, keine doppelten Böden. Hier war alles echt.
— Also, — sagte Johanna und goss Tee ein. — Erzähl.
Und Lena erzählte. Vom Notar. Von dem Wort „Außenstehende“. Von Felix, der seit Monaten Bescheid gewusst und geschwiegen hatte. Zweimal versagte ihr beinahe die Stimme, doch sie zwang sich weiterzusprechen.
Johanna hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Erst als Lena verstummte, sagte sie ruhig:
— Ich habe dich damals gewarnt. Weißt du noch? Vor der Hochzeit. Ich habe gesagt: Schau genau hin, wie diese Mutter mit ihrem Sohn umgeht. So, wie sie ihn lenkt, wird er später dich behandeln.
— Ja, — gab Lena leise zu. — Das hast du gesagt.
— Eben. Deine Brigitte hat Felix schon immer wie an Fäden geführt. Und ihm passt das. Mutter entscheidet, Mutter denkt, Mutter sucht den Schuldigen aus.
Lena umklammerte ihre Teetasse mit beiden Händen. Allmählich kehrte Wärme in ihre Finger zurück.
— Mama, ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll.
— Was gibt es da groß zu wissen? — Johanna zuckte mit den Schultern. — Weiterleben. Aber diesmal mit dem Kopf, nicht nur mit dem Herzen.
— Ich habe so viel hineingesteckt. Geld. Kraft. Und meine ganze Seele.
— Geld also auch? — Johanna kniff die Augen zusammen. — Habt ihr dafür Belege?
Lena hob den Kopf.
— Was für Belege?
— Rechnungen. Quittungen für Material, Zahlungen an Handwerker. Kind, du arbeitest in der Buchhaltung. Sag mir nicht, du hättest nichts notiert.
Da erinnerte Lena sich.
Natürlich hatte sie alles festgehalten. Aus beruflicher Gewohnheit. Wer in der Buchhaltung arbeitete, vergaß nicht, dass jeder Cent irgendwo hingehörte. Als sie mit der Renovierung begonnen hatten, hatte sie eine eigene Datei angelegt: Dachplatten, Rohre, Ziegel für den Ofen, Überweisungen an die Arbeiter. Alles mit Kassenbons, Fotos, Screenshots der Zahlungen. Die Datei lag seit Jahren einfach in der Cloud.
— Ja, — sagte sie langsam. — Mama, das ist alles noch da.
— Na also. — Johanna lächelte knapp. — Der Kopf ist schließlich nicht nur dazu da, einen Hut zu tragen.
