„Mein Sohn ist bei deinem Mann gemeldet. Also hat er auch Anspruch auf eure Wohnung! Ich habe mich erkundigt!“ forderte Stefanie an Sandras Tür, während Sandra sie nur einen Spalt zuzog

Unverschämte Ansprüche zerstören mühsam erkämpfte Sicherheit.
Geschichten

Lukas brummte etwas, das weder Zustimmung noch Ablehnung war, und zog den Kopf wieder zurück.

Am Abend meldete sich seine Mutter. Sandra Huber hatte damit gerechnet; Stefanie Sommer war keine Frau, die eine Niederlage schweigend hinunterschluckte.

„Sandra, Kind, was machst du denn da?“, begann Katharina Kraus, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. „Es geht doch um ein Kind. Gib ihr irgendeine Ecke, ein kleines Zimmer, dann hat sie Ruhe. Sie wird sonst doch weiterbohren. Der Junge kann einem leid tun. Familie ist Familie.“

„Wessen Familie genau, Katharina Kraus?“, fragte Sandra ruhig.

„Na, Lukas’ natürlich!“

„Eben. Lukas’. Nicht meine. Und schon gar nicht die meiner Wohnung. Diese Wohnung gehört mir, seit vor der Ehe. Lukas wohnt hier, weil ich es zulasse, und weil er hier gemeldet ist.“

„Ach, hör doch auf mit deiner Wohnung! Immer nur Wohnung, Wohnung. Ich rede davon, menschlich zu bleiben.“

„Menschlich ist, Unterhalt pünktlich zu zahlen und den Jungen ins Kino mitzunehmen. Beides tut Lukas. Mehr Menschlichkeit steht nirgendwo.“

Katharina Kraus seufzte noch eine Weile in den Hörer, dann versuchte sie es von einer anderen Seite. Sandra habe ja selbst keine Kinder, sagte sie, deshalb könne sie nicht wissen, wie sich ein Mutterherz anfühle und was Stefanie Sommer alles durchmache. Der Satz traf genau dort, wo er treffen sollte. Das wussten sie beide.

Sandra nahm das Telefon kurz vom Ohr, stellte ihre Tasse langsam auf den Tisch und hielt den Apparat wieder an sich.

„Nein“, sagte sie schließlich. „Das verstehe ich nicht. Dafür verstehe ich Verträge. Gute Nacht, Katharina Kraus.“

Dann beendete sie das Gespräch.

Drei Wochen vergingen.

Greta Otto, die Nachbarin aus dem vierten Stock, erzählte ihr eines Morgens am Aufzug, hier sei eine nervöse Frau im Lackmantel durchs Haus gelaufen und habe herumgefragt, ob jemand einen günstigen Anwalt für Wohnungsrecht kenne. Angeblich habe man ihr tatsächlich einen empfohlen. Sie sei dort gewesen, aber der Mann habe nur mit den Schultern gezuckt: Da gebe es keinen Ansatzpunkt.

„Keinen Ansatzpunkt“, wiederholte Sandra. „Kommt vor.“

Auch über den Jungen hörte sie später etwas, wieder auf Umwegen über Greta Otto, deren Schwiegertochter an jener Schule arbeitete. Samuel Bergmann war am Ende gar nicht auf der Schule geblieben, wegen der das ganze Theater begonnen hatte. Man meldete ihn schließlich am Wohnsitz seiner Mutter an. Dabei stellte sich heraus, dass direkt gegenüber von Stefanie Sommers Wohnung ebenfalls eine ordentliche Schule lag; vorher hatte sich nur niemand die Mühe gemacht, genauer hinzusehen. Der ganze Feldzug um eine fremde Wohnung hatte also weniger dem Kind gegolten als einer Vertragszeile, die es nie gegeben hatte.

Lukas sprach nach jenem Abend nicht mehr von seiner Ex-Frau. Einmal erwähnte er beiläufig, sie habe angerufen und sich beklagt; er sei nicht drangegangen. Sandra nickte nur und fragte nicht weiter.

Die Mappe mit dem Vertrag räumte sie aus dem Flur weg. Beim Grundbuchamt beantragte sie sicherheitshalber noch einen zweiten, aktuellen Auszug mit frischem Datum. Man wusste ja nie.

LebensKlüber